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Leibniz-Stipendium 2019

Paul-Jonas Hildebrandt –
Leibniz-Stipendium 2019

Posted Oktober 24th, 2019 in Aktuelles by Susanne Melchior

Es ist Montag, der 1. Juli, als ich mit der Fähre bei Lüneburg über die Elbe setze. Die Sonne scheint, Fahrradtouristen rollen über den Deich, ein Restaurant verkauft Coffee to go. Es ist eine Idylle. Doch genau an diesem Ort verlief vor dreißig Jahren eine Grenze: Stacheldrahtzaun, Wachtürme, Soldaten, die auf und ab patrouillierten. Sie sind der eigentliche Grund, warum ich dort bin. Denn heute erinnert nur ein Gedenkstein noch an diese Zeit, die deutsch-deutsche Teilung ist Geschichte. Zumindest auf dem Papier, denn in Wahrheit dauert der Prozess der Wiedervereinigung bis heute an.

Als ich im Jahr 1990 in Niedersachsen geboren wurde, beschlossen die Regierungen von DDR und BRD im selben Jahr den Einigungspakt. Heute, im Jahr 2019, fühlt sich das Land immer noch wie geteilt an. Im Jahr der anstehenden drei Landtagswahlen wollte ich dem nachspüren. Sieben Wochen und einen Tag bin ich im Sommer 2019 durch die ostdeutschen Bundesländer gereist. Ich bin getrampt und habe bei fremden Menschen übernachtet. In Lokalredaktionen habe ich meine Dienste angeboten. Ich wollte die ostdeutsche Perspektive auf dieses Land erfahren und herausfinden: Wie geht es dem Lokaljournalismus in Ostdeutschland?

Die Sir-Greene-Stiftung hat mich bei diesem Projekt unterstützt. Es ist eine etwas ungewöhnliche Art der Weiterbildung, aber, davon bin ich überzeugt, eine wichtige für junge Journalist:innen.

Juli 2019: Von der Elbe aus trampe ich in Richtung Rostock, ich schlafe in einer Gartenlaube und zelte in einem Vorgarten. Bei meinen Begegnungen spreche ich über die Wende, über die Nachwendezeit, darüber, was Ost- und Westdeutschland bis heute trennt. Viele meiner Gegenüber haben das Gefühl: Niemand interessiert sich für ihre Geschichten. Manche sagen: „Früher war es besser.“ Die Dörfer, die ich durchquere wirken von ihren Einwohnern verlassen, geschlossene Läden, kaum öffentlicher Nahverkehr.

In Rostock übernachte ich beim Redakteur des Straßenmagazins „Strohhalm“. Frank Schlößer hat lange versucht eine lokale Internet-Zeitung aufzubauen, jetzt konzipiert er die Straßenzeitung, mit deren Verkauf etwa hundert Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ich diskutiere mit Schlößer über die neuesten Heftthemen und begleite Verkäufer bei ihrer Arbeit. Außerdem spreche ich mit ihm über sein Leben, denn was ich bald erfahre: Er hatte als junger Mann für die Stasi gearbeitet. Was hat das mit seinem Lebenslauf gemacht? Wie blickt er auf die Wiedervereinigung? Und: Bereut er?

Ich versuche zu verstehen: Was hat es bedeutet, in einer Diktatur zu leben – und wer bewertet anschließend dieses Leben? Schlößer jedenfalls kämpft bis heute mit der Wiedervereinigung, aber auch mit seiner eigenen Rolle im System.

Es ist eine spannende Begegnung, die ich auf meinem Blog ostwalz.de festhalte. Dort sammle ich Geschichten von Menschen, die mir unterwegs begegnen.

Es ist wieder ein Montagmorgen, etwa zwei Wochen später, als ich ins Büro des Nordkuriers spaziere. Der Nordkurier ist die größte Regionalzeitung Mecklenburg-Vorpommerns, und in Neubrandenburg sitzt mittlerweile ein großer Teil der Redaktion. Ich stelle mich vor und bitte um Arbeit – im Austausch gegen Kost und Logis.

Es ist mein erster Versuch als „wandernder Journalist“ – und die Redaktion sagt zu. Sie bieten mir einen Schlafplatz an und der Chefredakteur stellt mich seinen Kollegen vor. Er sagt: „Es fehlt die Verbindung zwischen lokalen und überregionalen Medien.“ Für den Nordkurier ziehe ich tagelang durch die Stadt, schreibe eine Stadtteilreportage und diskutiere mit dem Chefredakteur über Ost- und Westmedien und die Zukunft des Lokaljournalismus.

Dort merke ich außerdem: Die Wiedervereinigung ist ein komplexes Projekt, das noch lange nicht abgeschlossen ist. Nicht nur die alte Generation kämpft damit, sondern längst auch Menschen meines Alters. Ich erfahre viel über die ostdeutsche Identität, die sich mit der Nachwendezeit erst gebildet hat. Es ist ein spannender Auftakt für die restliche Reise.

Ich trampe durch Brandenburg und Sachsen. Werde von Fremden eingeladen, höre unzählige Geschichten, diskutiere über Politik und Gesellschaft. Ich lerne das Land, in dem ich lebe, noch einmal neu kennen. Und ich merke: Die Menschen sind bereit ihre Vorbehalte gegenüber Journalisten zurückzustellen und mit mir ins Gespräch zu kommen. Ich habe auch das Gefühl: Dem Land fehlt oft der Dialog, die Menschen ziehen sich ins Private zurück. Die Lokalzeitungen, die eigentlich ein öffentlicher Streitraum sein könnten, verlieren extrem schnell an Bedeutung.

In Zwickau bleibe ich für meine zweite Lokalstation. Die Freie Presse hatte mich eingeladen. Ich bekomme ein Gästezimmer vom Chefredakteur des Lokalteils und schreibe für die Zeitung über Festivals, Wirtschaftsanlagen und Bergleute. Die Station in Zwickau ist noch ein Schritt weiter ins Lokale, aber es ist ein spannender Schritt, denn ich arbeite mit einer engagierten Redaktion, die mit den Kürzungen im Lokalen zu kämpfen hat. Ich erfahre viel über die Hürden und Möglichkeiten des deutschen Lokaljournalismus.

Von Zwickau aus reise ich per Anhalter weiter über Halle nach Thüringen. Ich besuche die Studierendenzeitungen in Jena und Weimar und treffe mich mit Nachwuchsjournalisten, die über die schlechten Gehälter von Freien Journalisten im Lokalen klagen. Ich lerne viel darüber, was es bedeutet, wenn die Vielfalt bei den Lokalzeitungen weiter abnimmt und alle Blätter vom selben Mantelteil beliefert werden. Und ich merke auch, wie ängstlich einige Redaktionen auf Innovationen reagieren. In Thüringen ist keine Lokalredaktion bereit, mich für einige Tage mitarbeiten zu lassen.

Also reise ich zurück nach Sachsen. In Leipzig beschäftige ich mich mit der friedlichen Revolution, in Chemnitz beobachte ich einen Hooligan-Marsch und in Sachsen darf ich ein paar Tage bei der Sachsen-WG der taz aus Berlin verbringen. Anlässlich der Landtagswahlen hatte die Zeitung aus Berlin eine Lokalredaktion in Dresden ins Leben gerufen, die für einige Wochen aus Ostdeutschland berichten soll. Nicht alle Kollegen aus dem Lokalen fanden das Projekt gelungen. Ich treffe mich mit Journalisten der Sächsischen Zeitung, die das Gefühl haben: Schon wieder berichtet nur der Westen über den Osten, anstatt die Kollegen von vor Ort zu Wort kommen zu lassen.

Die letzte Station meiner Reise soll Frankfurt/Oder sein. Eine Stadt, die vielleicht den drastischsten Wandel durchgemacht hat. Doch kurz vor Ende meiner Reise werde ich krank, ein Magen-Darm-Infekt. Fünf Tage früher als geplant breche ich ab.

Fast sieben Wochen lang bin ich schließlich unterwegs gewesen. Es war ein spannender Einblick. Ich habe viel gelernt, über Ostdeutschland, über den Lokaljournalismus und über das, was abseits der großen Schlagzeilen die Menschen bewegt. Auf meinem Blog habe ich viele Geschichten festgehalten, ich habe Reportagen fürs Radio produziert und bin mit dem NDR einige Tage gereist. Es war eine wertvolle Erfahrung, die mich in meiner zukünftigen Arbeit sehr prägen wird. Davon bin ich überzeugt.

Lesen Sie hier weiter: Ostwalz – eine Journalisten-Wanderschaft durch Ostdeutschland, Blog von Paul-Jonas Hildebrandt.

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Sonderpreis 2019

Florian Sturm –
Sonderpreis 2019

Posted Oktober 12th, 2019 in Aktuelles by Susanne Melchior

Kennen Sie den Spruch „Never meet your heroes“? Zu groß sei die Chance, enttäuscht zu werden, heißt es.

Je näher die Abreise nach Schottland rückte, desto größer wurden die Bedenken, dass auch meine Erwartungen nicht erfüllt würden. Zwei Jahre lange habe ich dafür gekämpft, als freier Journalist nach Fair Isle zu fahren, der entlegensten bewohnten Insel Großbritanniens. Ein kleines Fleckchen Erde mitten zwischen Shetland und Orkney, bewohnt von 55 Einwohnern. Zahlreiche Redaktionen mochten die Idee der Geschichte, schreckten jedoch vor den Produktionskosten zurück. Umso dankbarer bin ich der Sir-Greene-Stiftung für den Sonderpreis, den wir – die Fotografin Xiomara Bender und ich – für unser Projekt bekommen haben. Denn das Thema ist schlicht außergewöhnlich.

Alles andere als normal verlief auch die Anreise. Von Berlin ging es via Amsterdam und Aberdeen nach Sumburgh auf die Shetland-Inseln. Dort quartierten wir uns für zwei Tage in der Hauptstadt Lerwick ein, ehe wir in einer kleinen Propellermaschine in 30 Minuten von Tingwall nach Fair Isle flogen. Bei Reisen von und nach Fair Isle sind diese Puffertage unbedingt empfehlenswert, hatten mir meine Kontakte schon im Vorfeld gesagt. Denn letztlich entscheidet das Wetter, ob die Flüge oder Fährfahrten wie geplant stattfinden können. Vor unserer Ankunft beispielsweise, saßen Bewohner und Touristen für drei Tage auf der Insel fest. Und als wir Fair Isle nach unserer einwöchigen Recherche wieder verließen, mussten wir Hals über Kopf aufbrechen: Unser Flug wurde kurzerhand zwei Stunden vorverlegt, da eine Schlechtwetterfront im Anmarsch war. Als ich die Nachricht über die geänderten Flugzeiten bekam, war Xiomara gerade am anderen Ende der Insel unterwegs, um zu fotografieren. Doch der Pilot wartet auf dem wohl kleinsten Flughafen Europas grundsätzlich auf keine Passagiere. Entweder man ist da – oder eben nicht. Also blieb Xiomara nichts anderes übrig, als im Dauerlauf und samt Equipment die halbe Insel zu überqueren.

   

   

       Klicken Sie auf ein Bild, um eine größere Ansicht zu sehen.

Auf Fair Isle selbst begegneten wir einer extrem aufgeschlossenen Gemeinschaft. Wir wurden eingeladen zu Kaffee und Kuchen, endlosen Gesprächen, Rundgängen, Darts- und Poolabenden, einem Privatkonzert eines begnadeten Gitarrenspielers und einem maritimen Festmahl. Steven Wilson, Crewmitglied auf der Fair-Isle-Fähre, der Good Shepherd IV, nahm uns mit, als er seine Hummerfallen vor der Küste kontrollierte. Alles was wir darin fanden, tischte er wie selbstverständlich für die Gäste aus Deutschland auf. Hummer und Krabben fangfrisch auf den Teller.

Doch nicht nur das Ambiente stimmte. Es waren vor allem die Leute, die diese Recherchereise zu einem besonderen journalistischen Projekt machten. Es gibt so viele unterschiedliche Charaktere, so viele Geschichten zu erzählen, so viele Perspektiven zu be- und soziale Strukturen zu durchleuchten. Fair Isle mag nur 55 Einwohner haben, doch dieser Mikrokosmos ist so komplex, wie man es anfangs nicht erwarten würde. Statt einer Woche hätte man auch gut drei Monate vor Ort verbringen können und hätte noch immer nicht alles gesehen, gefragt oder verstanden.

Fair Isle ist den meisten Leuten vor allem für seine weltberühmte Strickmode oder, unter Ornithologen, als wichtige Forschungsstation ein Begriff. Doch inzwischen sind die Bewohner selbst eine Art Touristenattraktion geworden. Eben weil sie so abgeschieden leben. Journalisten sind die Insulaner längst gewöhnt. Selbst aus Japan war schon mal ein Fernsehteam vor Ort. Titel der Sendereihe damals: „Warum, um Himmels Willen, leben Sie HIER?“.

Für Journalisten ist Fair Isle ein spannender Ort. Doch nur selten spiegeln die Geschichten, die entstehen, das Leben auf der Insel wirklich wider. Einerseits verständlich, denn hier passiert einfach zu viel. Andererseits sind wir Reporter verpflichtet, so akkurat wie möglich zu berichten. Die Insulaner aber sahen sich und ihren Alltag häufig nicht fair dargestellt. Entsprechend skeptisch traten sie auch uns von Anfang an entgegen: Ach, schon wieder Journalisten, hieß es da, und innerlich ging unser Gegenüber zwei Schritte zurück, ehe das Gespräch überhaupt richtig begonnen hatte. Und das, obwohl ich mit einigen Personen von der Insel schon fast zwei Jahre via Social Media in Kontakt gewesen war.

Letztlich ist es uns, denke ich, ganz gut gelungen, einen Zugang zum Mikrokosmos auf Fair Isle zu bekommen. Wohl auch – oder gerade weil – wir stets betonten, wir seien ohne konkrete Storyline für eine Geschichte auf die Insel gekommen. Die Geschichte, meinte ich, würde mich am Ende schon irgendwie finden.

Fotos: Xiomara Bender und Florian Sturm

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Internationales Medien-Stipendium 2018

Christina Fleischmann & Martin Zinggl
Internationales Medien-Stipendium 2018

Posted Dezember 10th, 2018 in Aktuelles by Susanne Melchior

August 2018 im westafrikanischen Niger, mitten in der Regenzeit. Malaria-Hochsaison und überschwemmte Straßen in einem der ärmsten Länder der Welt.

Wir, Autorin Christina Fleischmann und Fotograf Martin Zinggl, befinden uns in einer Hütte aus Holz und Lehm im Dorf Lontia Beri, eine Autostunde von der Hauptstadt Niamey entfernt. Vor uns sitzt eine junge Frau, lächelt schüchtern in die Kamera, beantwortet flüsternd unsere Fragen. Ihr Name lautet Zeinabou, sie ist 16 Jahre alt und hat eine der tödlichsten Krankheiten der Welt überlebt: Noma.

Darum sind wir hier. Wir porträtieren Zeinabou, auf deren linker Wange dicke Narben verlaufen, deren Lippen und Mund aus Hautpartien ihres Oberschenkels neu geformt wurden. Chirurgen gaben ihr ein neues Gesicht, nachdem die Krankheit es zerstört hatte.

Ebenso wie Zeinabou treffen wir ein Dutzend weiterer Patienten im Alter zwischen fünf und fünfzehn Jahren, die zu den zehn Prozent zählen, die Noma überlebt haben. Wir könnten nicht hier sein ohne die finanzielle Unterstützung der Sir-Greene-Stiftung. Aber der Reihe nach.

Im April 2018 tragen wir unsere Idee vor der Jury der Stiftung in Hannover vor. Uns gegenüber sehen wir fragende, interessierte, staunende Gesichter. Noma, diese vergessene Krankheit, ist hier – wie fast überall – niemandem bekannt.

Noma befällt nur die Allerschwächsten, meist Säuglinge und Kleinkinder, mangelernährt und mit schlechtem Immunsystem. Ein Bakterien-Mix greift die Mundschleimhaut der Betroffenen an und frisst sich fortan durch Haut, Muskeln und Knochen. Zurück bleiben Löcher im Gesicht. Manchen Kindern raubt Noma die Nase, den Mund, manchen ein Auge, allen ein Stück Würde. Gestoppt wird der Erreger entweder durch Medikamente oder wenn der Körper sich gegen die Bakterien wehren kann. Bei neun von zehn Patienten passiert das nicht – sie sterben. Jedes Jahr erliegen 140.000 Menschen den Folgen von Noma: Blutvergiftung, Flüssigkeitsverlust, Organversagen. Die wenigen, die mit entstellten Gesichtern überleben, fristen häufig ein Dasein als Ausgestoßene.

Die Jury in Hannover ist überzeugt, wir gewinnen das Stipendium. Anfang August fliegen wir für zwei Wochen in den Niger. Wir begleiten ein internationales Ärzteteam, das mehrmals im Jahr dem einzigen auf diese Krankheit spezialisierten Chirurgen des Landes dabei assistiert, gravierende Fälle zu operieren. In der Noma-Klinik in der Hauptstadt Niamey liegen in den kommenden fünf Tagen einundzwanzig Patienten auf den OP-Tischen. Bei einigen Eingriffen sehen wir zu.

Die ersten Begegnungen mit den Patienten gehen uns nahe. Und sie werfen Fragen auf: Wie begegnen wir den Kindern, die, meist ohne ein Elternteil in der Klinik, Nähe und Aufmerksamkeit suchen? Deren offene Wunden im Gesicht, die den Geruch von verwesendem Fleisch absondern, kein leichter Anblick sind?

Nach kurzer Anlaufzeit rennen sie mit einem Lächeln auf uns zu, wollen mit uns spielen, wollen uns erzählen. Wir sitzen mit ihnen zusammen, ein Dolmetscher übersetzt für uns von Hausa und Zarma ins Englische. Die Offenheit der Kinder macht es uns leicht, uns schnell an den Anblick der Wunden zu gewöhnen, ja ihn irgendwann zu vergessen.

Und dennoch fragen wir uns, wie wir es schaffen, die Patienten weder als Opfer noch als Schauobjekte darzustellen, sondern als Menschen, die trotz ihrer Entstellungen Kraft und Mut haben, die Würde und Stolz in sich tragen? Vor allem fotografisch eine Herausforderung.

Wir entscheiden uns, neben herkömmlichen Reportagebildern, für Porträtfotos, die mit Licht und Schatten sowie viel Tiefenschärfe arbeiten. Dabei entstehen Porträts, die mal das Leid der Patienten, mal pure Lebensfreude zeigen. Vor allem aber sind es Bilder von Menschen, die uns ihre Geschichte anvertraut haben. Wir wollen diese, in Text und Bild, weitererzählen.

Doch bereits vor der Reise erhielten wir – trotz des Stipendiums, womit Redaktionen sich die Reisespesen ersparen könnten – viele Absagen von Medien, die sich dieser schwierigen Thematik nicht annehmen wollten. Auch nach der Rückkehr aus dem Niger kommen wir teils nicht einmal dazu, Text und/oder Fotos vorzulegen. Die Antwort könnte nicht klarer ausfallen: zu hartes Thema! Oder: zu weit weg von der Realität der deutschen Leser! Wir sind enttäuscht und überrascht, wie schnell und bestimmt Redaktionen die Geschichte ablehnen. Und perplex, dass die Realität für ihre Leser nicht zumutbar sein soll, denn so sieht sie, wenn auch weit entfernt im Niger und anderen Ländern Afrikas, nun einmal aus.

Umso mehr schätzen wir, dass die Sir-Greene-Stiftung unser Thema für ebenso relevant und erzählenswert befand wie wir. Und dass sie uns die Verwirklichung des Projekts ermöglicht hat. Wir bedanken uns herzlich für die Unterstützung.

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Leibniz-Stipendium 2018

Fatima Krumm –
Leibniz-Stipendium 2018

Posted September 3rd, 2018 in Aktuelles by Susanne Melchior

Zwei journalistische Fortbildungen habe ich mir aus den unzähligen Angeboten der Akademien herausgesucht, um mich damit bei der Sir-Greene-Stiftung zu bewerben. In meinem Bewerbungsschreiben habe ich ausgeführt, warum ich genau diese Seminare belegen möchte.

Der Auswahltag verlief ziemlich interessant. Jeder wurde einzeln zum Gespräch vor eine Jury gebeten und verteidigte seine Bewerbung. Die Geschichten und journalistischen Bildungswege der anderen Bewerber waren  viel zu interessant, als dass in der langen Wartezeit Langeweile aufkommen konnte. So knüpften wir Kontakte, die über den Auswahltag hinausgehen.

Das erste Seminar „Netzwerke aufbauen und Informanten finden“ habe ich an der Akademie für Publizistik belegt. Mit nur drei weiteren Teilnehmern haben wir mit einem kompetenten Redakteur aus dem NDR-Recherchepool Tipps und Tricks und Recherchetechniken kennengelernt, die ich bisher aus keiner Redaktion kannte. Diese Methoden sind nicht nur für große Zeitungen anwendbar, sondern auch für den Alltag einer Lokalzeitung nützlich – beispielsweise die gezielte Recherche nach Kontaktdaten, die nicht öffentlich zugänglich sind, und nach „undichten Stellen“ in Institutionen.

Fatima Krumm mit dem Dozenten Björn Schwentker im Datenjournalismus-Seminar

Das Seminar zum Datenjournalismus an der Leipzig School of Media war mein Highlight. Vier Tage lang habe ich in einem Kurs von 12 Teilnehmern gelernt, was sich hinter dem Begriff Datenjournalismus eigentlich verbirgt und welche Möglichkeiten bestehen, solche Arbeitsmethoden auch auf lokaler Ebene anzuwenden. Datenjournalismus bedeutet so viel mehr als Grafiken zu erstellen. Viele verschiedene Programme, Tools und Tricks haben wir an echten Fällen aus dem Redaktionsalltag erprobt. Wir haben Datensätze erstellt, ausgewertet, bereinigt und visualisiert.  Die Durchmischung der Teilnehmer aus unterschiedlichen Bereichen ermöglichte einen anregenden Austausch. Zusätzlich haben wir eine Menge Übungsaufgaben für zu Hause bekommen.

Insgesamt war das Seminar eine große Bereicherung für mich, da ich einen Überblick bekommen habe, welche Möglichkeiten datenjournalistische Arbeitsweisen bieten und wie einfach sie teilweise umzusetzen sind.

Abschließend kann ich sagen, dass die beiden Seminare, die mir das Leibniz-Stipendium ermöglicht hat, meinen journalistischen Werkzeugkasten besonders aufgewertet haben. Durch die anderen Seminarteilnehmer und Bewerber bei der Stipendiumsvergabe konnte ich mein journalistisches Netzwerk vergrößern. Dafür danke ich der Sir-Greene-Stiftung, insbesondere Herrn Schulz, vielmals.

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Internationales Medien-Stipendium 2017

Stefanie Nickel –
Internationales Medien-Stipendium 2017

Posted November 3rd, 2017 in Aktuelles by Susanne Melchior

Schnee bedeckt Sarajevo. Minarette, Kirchen und Synagogen ragen aus der Winterlandschaft hervor. Die Miljacka fließt vor den Toren der Altstadt am frisch renovierten Rathaus entlang. Dahinter erheben sich die Gipfel der Dinarischen Alpen. Alles ist weiß. Es könnte so idyllisch sein. Wären da nicht überall diese kleinen Krater, die sich in die Fassaden der Häuser bohren. Die kann auch der Schnee nicht überdecken. Es sind Einschusslöcher, Überbleibsel des Krieges, der hier vor 25 Jahren tobte.

Sarajevo liegt in einem Talkessel. Wunderschön sieht die Winterlandschaft im Frühjahr 2018 aus. Doch während ich die steilen Bergstraßen Sarajevos hinauf- und hinabstampfe, denke ich immerzu: Diesen Weg hättest du meiden müssen im Krieg, als das serbische Militär sich in den Bergen rund um die Stadt verschanzte. Sie hätten freie Sicht auf dich gehabt. Du wärst ein einfaches Ziel gewesen.

Ich bin in Sarajevo, um mit den Kriegskindern von damals zu sprechen. Mit jenen, die ihre Kindheit in den neunziger Jahren in den Kellern der Stadt verbrachten, die erlebten, wie Menschen auf offener Straße erschossen wurden, die hungerten, die um ihr Leben fürchteten. Aber nicht nur das passierte in den Kellern der Stadt: Hier wurde auch gespielt, musiziert, getanzt und gelacht. Zum Krieg gehört eben auch Alltag.

Es ist nicht ganz einfach, die Kriegskinder von damals zum Reden zu bekommen, denn all das Reden über den Krieg habe doch nichts gebracht, sagen mir viele.

Zwar herrscht seit dem 1995 geschlossenen Vertrag von Dayton offiziell Frieden im Land. Doch die Gräben zwischen den Ethnien, den serbischen, kroatischen und muslimischen Bosniern sind noch immer tief. Drei Präsidenten vertreten die Belange ihrer Volksgruppe. Vetternwirtschaft und Korruption lähmen die Gesellschaft.

Heute sind die Kinder von damals in ihren Dreißigern. Ich treffe sie in ihren Häusern, in Cafés, auf der Straße. Ich gehe mit ihnen spazieren durch Straßenzüge, die man früher Snipers Alley (Heckenschützen-Gasse) nannte, weil sich in den Häusern rundherum bewaffnete Männer verschanzt hatten, die wahllos auf Passanten feuerten. Die Kriegskinder von damals erzählen mir von der Lethargie, die über dem Land liegt, davon, dass sie es eigentlich sein sollten, die das Land verändern, voranbringen. Stattdessen träumen die meisten von einem Leben im Ausland.

Eine meiner Protagonistinnen, Belma Rizvanovik, berichtet mir in einer Bar in einem Einkaufszentrum in Sarajevo von dem schwarzen Humor der Bosnier. Sie lachen einfach weiter, trotz allem.

Auch Belma lacht, als sie mir erzählt, dass ihre Mutter auf dem Weg zur Arbeit täglich die Zmaja od Bosne, eine der zu Kriegszeiten gefürchtetsten Straßen Sarajevos, überqueren musste. Sie habe es in ihren besten Kleidungsstück, mit hohen Absätzen und makelloser Frisur getan. „In den gefährlichsten Situationen des Lebens sehen die Frauen in Bosnien perfekt aus“, sagt Belma. „Sarajevo-Syndrom“ nennen die Bosnier das.

Ist das Trotz? Mut? Oder einfach nur erschütternd? Noch heute sieht man an jeder Ecke in Sarajevo einen Friseur. Vielleicht macht das „Sarajevo-Syndrom“ das Leben in der Stadt erträglicher, in einem Land, in dem jeder Vierte ohne Arbeit ist und die Jugendarbeitslosigkeit bei 67,5 Prozent liegt.

23 Jahre nach Kriegsende herrscht Stillstand in Bosnien und Herzegowina. Für Westeuropäer ist der Bosnien-Krieg lange her, beinahe vergessen. In Bosnien ist der Krieg allgegenwärtig, sichtbar im Straßenbild, in den Köpfen der Menschen, zementiert in der Staatsverfassung.

Ich freue mich, dass mir die Sir-Greene-Stiftung die Möglichkeit gegeben hat, auf das Dilemma der Bosnier aufmerksam zu machen und den Kindern von damals eine Stimme zu geben.

Artikel, die durch das Stipendium ermöglicht wurden, sind u.a. erschienen in: Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, Sächsische Zeitung, Mindener Tageblatt.

Nach Stationen bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und dem Norddeutschen Rundfunk arbeitet Stefanie Nickel heute als freie Journalistin in Hannover. Ihre Texte sind u.a. erschienen in chrismon, Stern, Brigitte, Frankfurter Rundschau und Tagesspiegel. Kontakt: info@stefanienickel.de

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Internationales Medien-Stipendium 2017

Gerd Schild –
Internationales Medien-Stipendium 2017

Posted September 7th, 2017 in Aktuelles by Susanne Melchior

Die beiden Frauen mit ihren Walking-Stöcken schauen jetzt doch etwas misstrauisch. Viermal bin ich nun an ihnen vorbeigefahren, beim ersten Mal freundlich grüßend, beim zweiten Mal auch, beim dritten Mal schulterzuckend und beim vierten Mal, ja, da habe ich einfach so getan, als läge die Lösung meines Problems auf der anderen Seite des Feldwegs.

Ich suche ein Denkmal, einen Bagger, einen gelben, so groß, dass er eigentlich nicht zu verfehlen ist. Der soll hier irgendwo stehen, im Grenzgebiet zwischen der katholischen Republik Irland und dem zum Vereinigten Königreich gehörenden Norden der Insel. Der Bagger erinnert an mutige Menschen, die Borderbusters. Sie reparierten mit dem Gerät einst die Zerstörungen in den Straßen, die die britische Armee anrichtete, um den Grenzverkehr zu stören. Das ist nur eine Geschichte der „Troubles“, wie der Nordirlandkonflikt beschönigend genannt wird. Mehr als 3.000 Menschen starben bis zum Karfreitagsabkommen 1998 – fast jeder in Irland kennt jemanden, der während des Konflikts getötet oder verletzt wurde.

Im Sommer 2017 wird viel über die Außengrenzen der EU berichtet. Meist geht es dann um die Balkanroute, um das Mittelmeer und die Methoden, mit denen Europa zur Festung wird – und wie Vertriebene trotzdem dort hingelangen wollen. Kaum berichtet wird über die EU-Außengrenze, die mit dem Brexit mitten auf der irischen Insel entstehen wird. Dort, wo längst ein gemeinsamer Wirtschaftsraum entstanden ist und Zigtausende jeden Tag die grüne Grenze passieren. Mich interessiert, wie die Menschen im Grenzgebiet auf die drohende neue, alte Trennlinie blicken. Auch die Jury der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung findet das spannend und schickt mich mit dem Internationalen Medien-Stipendium 2017 nach Irland.

Dort bin also im Sommer 2017 auf der Suche nach dem Bagger und merke, dass sich ein Teil von mir freut, dass dieses Mahnmal des Bürgerkrieges nicht so leicht zu finden ist. Vielleicht ist er ja von Schlingpflanzen überwuchert, verschwunden, vergessen und mit ihm die unbeglichenen Rechnungen, die jeder Krieg hinterlässt. Als ich das noch denke, taucht er doch auf, rechts am Feldwegesrand, leuchtet gelb in der irischen Sonne, hebt sich ab vom satten Grün der Wiesen.

Das Internationale Medien-Stipendium 2017 ermöglicht mir eine Recherchetiefe, die selten ist im Journalismus – nicht nur durch den Luxus, einen Bagger im Niemandsland suchen zu können. Ich fahre die 500 Kilometer lange Grenze buchstäblich ab, frage dort, wo sie nicht gleicht sichtbar ist, werde zum Kaffee eingeladen, tauche ein in die besondere Geschichte dieser Region. Mit dem Farmer Damian McGenity stehe ich auf einer Weide, über die noch vor 30 Jahren die britische Armee mit ihren Hubschraubern knatterte. Angst, dass der Krieg zurückkommt, die hat er eigentlich nicht. Aber die EU-Subventionen werden ihm fehlen. Und er fürchtet, dass nach dem Brexit die nächste Auswanderungswelle Irland schwächen wird, weil die Wirtschaft unter dem Brexit leiden könnte. Gleann Doherty berichtet mir in Derry, das die Protestanten Londonderry nennen, wie sein Vater dort am Bloody Sunday erschossen wurde. „Ich habe die IRA unterstützt – bis es eine Alternative gab“, sagt er heute. Zwei von Dutzenden Gesprächen einer beeindruckenden Reise.

 

Was nach dem Brexit aus der Grenze auf der irischen Insel wird, das weiß bis heute niemand. Dank des Stipendiums der Sir-Greene-Stiftung konnte ich zumindest die Ängste und Hoffnungen der Menschen etwas besser verstehen, die mit den Folgen leben werden müssen.

Gerd Schild lebt als freier Journalist in Hannover. Seine Texte sind u.a. erschienen in: Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, Neue Zürcher Zeitung, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 11Freunde, kicker, Nido. www.gerdschild.de

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Internationales Medien-Stipendium 2017

Jakob Simmank –
Internationales Medien-Stipendium 2017

Posted Mai 11th, 2017 in Stipendiaten by Susanne Melchior

Die Vorbereitung einer lange geplanten Reise gipfelt Ende August 2017 darin, dass ich mir gebannt ein Flutvideo nach dem anderen anschaue: Menschen paddeln in Booten zwischen Häuserdächern umher, andere waten mit verzerrten Gesichter durch hüfthohe Wassermassen. Und erst die Satellitenbilder: Die verwirbelten Wolkenschlieren rund um das Auge von Hurrikan Harvey füllen den halben Golf von Mexiko aus – und sie machen mich nervös. Denn nur wenige Wochen später werde ich selbst nach Houston fahren, ins Epizentrum der Verwüstung.

Begonnen hat alles mit einer Mail, die eine Kollegin mir schickt: „Was für Dich?“ steht im Betreff. Angehängt die Ausschreibung der Sir-Greene-Stiftung. Die Bewerbung ist schnell geschrieben, denn zwei Themen, für die ich die USA besuchen will, schwirren mir schon seit längerem im Kopf herum. Nur eine Finanzierung fehlt eben.

Ein paar Wochen später sitze ich schon in einem Konferenzraum der Sparkasse Hannover und erzähle von meinen Ideen. Die Jury ist wohlwollend – und freut sich, dass ich Wissenschaftsthemen mitgebracht habe. Nach einer Stunde Warten ist die Sache mit der Finanzierung für meine aufwendige Recherche überraschend geklärt. Ich bin überglücklich.

Tatsächlich ist die Recherche mein erster längerer Aufenthalt in den USA, und so vermischt sich die journalistische Neugier mit der eines Reisenden. In Philadelphia verbringe ich – bevor es nach Houston geht – einige Tage an der University of Pennsylvania, vor allem an der Uniklinik. Mehrmals treffe ich einen außergewöhnlichen Arzt, der der Protagonist eines langen Artikels über seltene Erkrankungen werden soll.

Er leidet an Morbus Castleman, einer seltenen und gefährlichen Erkrankung, die ihn mehrfach fast umgebracht hat. Als er feststellte, dass auch die weltbesten Experten ihm nicht weiterhelfen können, weil kaum etwas über die Erkrankung bekannt ist, beschloss er den Rest seines Lebens dieser Erkrankung zu widmen – als Patient, Arzt und Wissenschaftler.

Es ist diese Doppel- oder Dreifachrolle, die seine Erfahrungen so wertvoll macht. In seiner Herangehensweise an die vielen ungelösten Rätsel der Erkrankung verstecken sich Rezepte, wie auch anderen seltenen Erkrankungen beizukommen sein könnte – in den USA und im Rest der Welt. Denn jede seltene Erkrankung ist für sich genommen zwar selten. Kollektiv aber betreffen seltene Erkrankungen vier Millionen Deutsche und über dreißig Millionen Europäer.

Für den zweiten Teil meiner Recherche verschlägt es mich dann nach Houston. Als ich lande, fängt es an zu regnen. Der erste Regen seit Hurrikan Harvey. In der Straßenbahn will das Dach nicht dicht halten, Regen tropft auf meinen Schoß. Ich bin angereist, um über Tropenkrankheiten an der Golfküste der USA zu schreiben, die dort erstaunlich häufig sind und vor allem die Menschen treffen, die in bitterer Armut leben.

Aber noch immer steht die Stadt komplett im Zeichen der Flutkatastrophe. Und so spreche ich mit Menschen, die durchweichte Wände und Bodenplatten aus ihren Häuser reißen, damit der Schimmel die Häuser nicht unbewohnbar macht. Und ich begleite für einige Tage die Menschen, die versuchen, die gesundheitlichen Folgen der Flut abzuschwächen: Die Public-Health-Behörde, die in punkto Mückenkontrolle weltweit ihresgleichen sucht, und Tropenmediziner, die Angst vor den Erkrankungen haben, die die Mücken übertragen. Denn deren Population ist nach der Flut in die Höhe geschnellt.

Die Sir-Greene-Stiftung hat mir eine inspirierende Reise mit zwei intensiven Recherchen finanziert, die ich sonst wohl nicht gemacht hätte. Am Ende verließ ich die USA mit vielen Eindrücken – und noch mehr neuen Ideen für journalistische Projekte im Kopf.

Lesen Sie hier den Artikel „Mit der Flut kamen die Mücken“ von Jakob Simmank, veröffentlicht in: DIE ZEIT vom 5. Oktober 2017.

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Internationales Medien-Stipendium 2016

Sabine Gurol –
Internationales Medien-Stipendium 2016

Posted September 6th, 2016 in Aktuelles by Susanne Melchior

London im November – das klingt nach Regen und tristen, dunklen Tagen im Spätherbst. Doch die britische Hauptstadt zeigte sich ganz im Gegenteil von ihrer besten Seite – und das lag nicht nur am erstaunlich guten Wetter. Eigentlich hatte ich mit meinem Internationalen Medien-Stipendium die Reise in die USA antreten wollen. Das Ziel war eine Onlineredaktion. Doch weil die Praktikumssuche sich schwieriger gestaltete als gedacht und die Sir-Greene-Stiftung und Herr Schulz zum Glück sehr geduldig und flexibel waren, schwenkten wir um. Statt ins Land der unendlichen Möglichkeiten ging es für mich nun zum britischen Guardian – eine mehr als annehmbare Alternative und eine sehr spannende Wahl.

Denn es warteten nicht nur ein tolles Team und eine spannende Redaktion auf mich, sondern auch ein Themenfeld, das in Deutschland erst seit wenigen Jahren so richtig auf dem Vormarsch ist: Datenjournalismus. Schon in meiner Zeit als Volontärin bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hatte ich in der Onlineredaktion an einem kleinen Datenprojekt gearbeitet, inspiriert von einigen spannenden Online-Datenprojekten deutscher Medien. Und als ich sah, dass der Guardian die Möglichkeit eröffnete, in die Datenredaktion hineinzuschnuppern, war klar: Das soll es sein. Denn nicht nur im Online-Journalismus bieten Daten die Möglichkeit, Geschichten auf ganz andere Weise zu erzählen, auch im klassischen Schreiber-Genre lassen sich so neue Themen finden und neue Ansätze für die Recherche entdecken.

Eingang zur Redaktion von Guardian und Observer

In meinem Team mit drei Datenjournalistinnen bin ich in meiner Praktikumszeit gut aufgehoben. Ich lerne im Newsroom am King’s Place, in dem etwa 600 Mitarbeiter sitzen, nicht nur die Themenansätze für Datenrecherchen zu verfeinern, sondern auch, welche offenen Quellen sich für das Finden von geeigneten Datensätzen nutzen lassen, welche Programme beim Sammeln der Daten helfen und wie sich verschiedene Datensätze zusammenfügen und vergleichen lassen. Die Themen, an denen ich arbeite, sind dabei sehr vielfältig. Vom sozialen Wohnungsbau über Suizide bis hin zum Umgang mit sexueller Belästigung an britischen Universitäten.

Regents Canal am Kings Place, dem Redaktionssitz des Guardian

Neben der Entstehung der Geschichten bekomme ich auch einen Einblick in die Visualisierung für den Onlinebereich und die Social-Media-Strategien beim Guardian – und kann am Ende sogar eigene Geschichten mitveröffentlichen (nicht selbstverständlich, denn unter Umständen nimmt die Datenrecherche einige Zeit in Anspruch). Drei Tage verbringen wir damit, die Webseiten der bekannteren britischen Presse auf den Einfluss von Twitter-Fake-Accounts zu untersuchen. Mit Erfolg – mehr als 70-mal wurden die sogenannten Bots in den Medien zitiert. Noch ein Grund, beim Einbinden von Tweets genauer hinzusehen.

Von wegen Regen – Blick von der Tower Bridge

Am Ende kommt mir die Zeit beim Guardian natürlich viel zu kurz vor – viel mehr Datenrecherche hätte noch gewartet, viel mehr Geschichten hätten noch geschrieben werden wollen. Doch dank der Sir-Greene-Stiftung habe ich tolle Einblicke bekommen, viele Ideen mit nach Hause nehmen können und neue Tools kennengelernt, die ich zukünftig bei meiner journalistischen Arbeit einsetzen kann. Denn das letzte Mal, so viel ist sicher, werde ich bestimmt nicht mit Daten gearbeitet haben.

Während ihres Praktikums hat Sabine Gurol u.a. an diesem Artikel mitgearbeitet:
Russian ‚troll army‘ tweets cited more than 80 times in UK media

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Leibniz-Stipendium 2016

Arne Schulz –
Leibniz-Stipendium 2016

Posted Januar 26th, 2016 in Aktuelles by Susanne Melchior

Mein Gegenüber, 77 Jahre alt, stöhnt. Auch wenn man ihm das Alter nicht anmerkt – die Hitze macht ihm zu schaffen. Schnell begeben wir uns zurück in das abgedunkelte Studio im Erdgeschoss, wo die späteren der 120 Radiofeatures des Helmut Kopetzky entstanden sind. Der Autor drückt die Leertaste auf seiner Tastatur. Der Raum füllt sich mit Urwaldklängen …

Eineinhalb Jahre zuvor. Ich sitze in einem Konferenzraum in Hannover und versuche der Jury der Sir-Greene-Stiftung meine Faszination für das Radiofeature zu erklären. Ich merke, dass ich etwas ausholen muss:

Für mich ist das Feature die Königsdisziplin im Hörfunk. Autoren reisen dafür um die ganze Welt, erzählen in 60 Minuten bewegende Geschichten. Das Format ist vergleichbar mit der Seite-3-Reportage in der Süddeutschen, mit einem Dokumentarfilm im Kino, nur dass die Autoren dabei mit Klängen arbeiten, was ich als besonders authentisch empfinde.

Das Feature ist ein Premium-Produkt, das mit besonders hohem technischen Aufwand produziert wird. Üblicherweise entsteht es in zwei Teilen. Die Autoren sammeln O-Töne und Atmos, schreiben das Manuskript. Dann übergeben sie das Projekt an einen Regisseur und zwei Tontechniker, die im Studio mit Schauspielern den Erzähltext aufnehmen, die Audios montieren und sie mischen.

Ich, junger Radioredakteur bei NDR Info und leidenschaftlicher Feature-Autor, möchte mehr über diesen zweiten Teil der Produktion erfahren. Mein großes Glück ist, dass Professor Schmidt Teil der Jury ist. Auch er ist ein großer Anhänger des Radiofeatures und steht mir fortan – ebenso wie Herr Schulz – mit seiner Erfahrung und seinen Kontakten zur Seite. So schreibt die Stiftung beispielsweise an die Intendanz des NDR und bittet den Sender darum, sich an dem Stipendium zu beteiligen. Das macht Eindruck bei meinen Chefs.

Im Herbst des vergangenen Jahres besuche ich dann das Seminar Tonbearbeitung an der Medienakademie von ARD und ZDF in Nürnberg. Der Trainer ist ein alter Hase, hat in den achtziger Jahren Informationstechnik bei der Telekom studiert. Er liefert zu den praktischen Übungen auch die theoretischen Hintergründe. Mir hilft das sehr. Ich lerne, genauer hinzuhören, störende Frequenzen zu identifizieren und meine Atmos mit Software zu verbessern. Ich lerne auch, Effekte einzusetzen und Töne zu komprimieren. Das Skript zum Seminar hat fast 100 Seiten. Ein typischer Satz darin lautet: „Ratio 2:1, Attack 50 ms, Release 10ms, die Threshold so einstellen, dass Regelwirkung bemerkbar wird.“ Das Verrückte: Ich weiß nachher tatsächlich, was das bedeutet.

Darauf aufbauend möchte ich bei einer Feature-Produktion im Studio hospitieren. Ich spreche mit dem Leiter der Feature-Abtteilung des rbb, Professor Schmidt hat den Kontakt vermittelt. Er ist es auch, der einen Brief an Helmut Kopetzky verfasst, einen der ganz großen Feature-Autoren der vergangenen Jahrzehnte. Schließlich lädt mich der Altmeister ein, bei seiner allerletzten Produktion zu hospitieren. Im August dieses Jahres besuche ich ihn in seinem Haus in Fulda.

In seinem Stück geht es um einen Feature-Autor, der Anfang der achtziger Jahre an den Amazonas reist, um über Rodungen und die Vertreibung von Ureinwohnern zu berichten. Der Autor, Matthias von Spallart, nutzt dafür die gerade erst entwickelte Kunstkopftechnik, die dreidimensionale Aufnahmen ermöglicht. Doch am Ende scheitert von Spallart an dem ehrgeizigen Projekt und wählt den Freitod. Es ist eine ebenso dramatische wie faszinierende Erzählung, über die ich mit Helmut Kopetzky stundenlang diskutiere.

Postproduktion in Hamburg: links hinten Arne Schulz, in der Mitte Regisseur und Autor Helmut Kopetzky, dazu Tontechniker, Toningenieur und Redakteurin

Mitte September sehen wir uns in Hamburg wieder. Ich hospitiere eine Woche lang bei der Postproduktion im NDR. Kopetzky führt Regie, ich sitze direkt neben ihm und schaue ihm über die Schulter. Es ist eine lehrreiche Woche, die mich motiviert und mir auch neue Türen öffnet. Denn Kopetzky vermittelt mir den Kontakt zu Peter Leonhard Braun, einer Legende in der Feature-Szene. Braun wiederum nennt mir Redakteure, an die ich mich mit einem Projekt über Staatenlosigkeit wenden kann …

Das Stipendium der Sir-Greene-Stiftung hat also vieles in Bewegung gesetzt und meine Leidenschaft für das Format noch vertieft. Dafür möchte ich der Stiftung und insbesondere Professor Schmidt und Herrn Schulz herzlich danken!

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Internationales Medien-Stipendium 2015

Carolin Fromm –
Internationales Medien-Stipendium 2015

Posted Juni 30th, 2015 in Stipendiaten by Susanne Melchior

Carolin Fromm Dreharbeiten„Wir beantragen, dass Zwangsmaßnahmen angeordnet werden … vor allem gegen die Medien, die interessiert daran sind, alles im Zusammenhang mit dem Prozess zu veröffentlichen, konkret Carolin Fromm vom deutschen Sender ARD und Gustavo Sánchez, beide vom Portal Aristegui Noticias, sowie allen Mitgliedern dieser Medien …“

Ich lese diese Zeilen auf meinem Handy an einem Donnerstagabend im Café am Paseo de la Reforma im Zentrum von Mexiko-Stadt. Gemeinsam mit meinem Kollegen Gustavo und unserer Chefin Carmen Aristegui wollten wir den Stand unserer Recherche besprechen. Es geht um den Minister für den öffentlichen Dienst, Virgilio Andrade. Er ist ein alter Bekannter des Präsidenten Enrique Peña Nieto und hat diesen von einem Interessenkonflikt freigesprochen, den meine Kollegen von Aristegui Noticias Ende 2014 öffentlich gemacht hatten.

Unsere Quelle hatte uns bereits angekündigt, dass unsere Namen in den Gerichtspapieren aufgetaucht seien. Nun lesen wir schwarz auf weiß, dass der Minister die Richterin bittet, uns die Veröffentlichung zu verbieten – und allen Mitarbeitern unserer Medien. „Diese Anwälte will man nicht zum Feind haben“, kommentiert unsere Chefin. Sie kennt jede Leiche im Keller mexikanischer Politiker und auch diejenigen ihrer Helfer. Ich nicht. Manchmal hilft das, entspannt zu bleiben. Jetzt weiß ich allerdings nicht genau, wie ich mich fühle. Ich schwinge hin und her zwischen: „Wir haben offenbar den wunden Punkt getriggert“ und „Was wird er noch alles versuchen?“ Soll ich mich freuen? Muss ich Angst haben vor irgendwas oder irgendwem?

In Mexiko sind alleine in diesem Jahr bereits sieben Journalisten ermordet worden. Nicht in Mexiko-Stadt, hier fühlen die Kollegen sich physisch sicher, aber fast überall anders. Die meisten Angriffe auf Journalisten kommen von Staatsbediensteten, findet die Organisation Articulo 19 raus, während ich in Mexiko arbeite. Und erst einige Tagen zuvor marschierte eine Ministerin mit Anhang in die Redaktion der Zeitung „Milenio“, weil ihr ein kritischer Text missfiel. Der Chefredakteur hörte sie an, die Verfasser mussten sich rechtfertigen, der Artikel verschwand online und erschien dann mit einem komplett anderen Titel. Die Chefin der Recherchegruppe kündigte. Mehrmals sagen mir Kollegen, dass Deutschland ja Glück hätte mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der nur informieren wolle. Mexikos Medien seien abhängig vom Werbegeld der Ministerien; sie sind Unternehmen, die Geld verdienen und eben nicht primär informieren wollen. Hauptsache der Rubel rollt und dafür müssen die Politiker zufrieden sein, mit dem, was geschrieben wird.

Carolin Fromm mit KollegenGenau das haben meine Kollegen erst vor kurzem erfahren. Sie hatten aufgedeckt, dass der Präsident und seine Frau nach seiner Amtszeit in eine Luxus-Villa ziehen wollen, die einer Baufirma gehört. Diese verdient seit Jahren Hunderte Millionen mit Bauaufträgen dank Pena Nieto. Meine Kollegen recherchierten damals für ihren Arbeitgeber MVS Radio. Doch der Chef bat darum, die Geschichte nicht zu veröffentlichen. Firmeninteressen, Sie verstehen. Carmen Aristegui verstand nicht. Wenige Monate nach der Veröffentlichung wurden sie und einige Kollegen entlassen. Der Rest des Teams ging mit.

Präsident Pena Nieto stellte damals Virgilio Andrade als Minister ein, der diesen Interessenkonflikt mit der Luxus-Villa intern untersuchen sollte. Der Angeklagte wählte sich seinen Richter. Andrade sprach den Präsidenten – überraschend für wirklich niemanden – frei.

Anstatt jetzt auf unsere Interviewanfrage zu antworten, schickt Andrade sie als Beweis ans Gericht und will die Details unter Verschluss halten: Seinen unehelichen Sohn, die Vorwürfe, er habe seiner außerehelichen Partnerin mit Mord gedroht, sie zum Sex gezwungen, ihr einen Job im Ministerium verschafft und nutze seine Position, um ihre Klagen und Beschwerden zu negieren.

Zwei Monate lange durfte ich dank des Stipendiums der Sir-Greene-Stiftung bei Aristegui Noticias arbeiten. Einer kleinen Truppe engagierter Journalisten, die in einem improvisierten Büro mit kaputten Drehstühlen, zu wenig Computern und fast keinem Geld versucht, Glaubwürdigkeit und Standards hochzuhalten. Denen sechs Millionen Menschen in den sozialen Netzwerken folgen. Seitdem sie entlassen wurden, versuchen sie die Plattform Aristegui Noticias auszubauen, für die ich jetzt zwei Monate lang in Mexiko arbeite.

Nach dem ersten Schock über die Gerichtsunterlagen begleiten wir Carmen an diesem Abend zu Fuß vom Café zu CNN, wo sie jeden Abend eine Interview-Sendung produziert. Wir brauchen ewig für die wenigen Hundert Meter. Immer wieder erkennen Mexikaner sie, bedanken sich bei ihr und fordern sie auf, weiterzumachen. Nach ihrer Entlassung gingen sogar die demo-scheuen Mexikaner auf die Straße. Sie reichten Klagen ein, twitterten was das Zeug hielt, forderten andere Radiosender auf, Carmens Team einen Sendeplatz zu geben. Offenbar fehlt ihnen ihre Stimme.

Carolin Fromm MexikoIch wusste, dass Aristegui beliebt ist in Mexiko. Wie wichtig sie für freie Informationen ist, wusste ich nicht, bis ich mit dem Team arbeiten durfte. Die Mexikaner haben das Gefühl, sie sei eine der ganz wenigen, denen sie vertrauen können. Die sich nicht kaufen lassen. Carmen weiß genau, was sie will. Sie fragt, was die anderen denken – und macht es dann, wie sie es geplant hatte. Diese Autorität braucht es hier wohl.

Den Artikel über Minister Andrade haben wir übrigens veröffentlicht. Die Richterin hat uns nichts verboten und er hat auch nicht versucht, uns auf anderem Wege mundtot zu machen. Tausende Kommentare, Teilungen und Likes haben uns gezeigt, dass die Informationen bei den Menschen angekommen sind. Jetzt verstehe ich auch, warum die Kollegen immer weitermachen, immer weiter graben, obwohl in Mexiko nie jemand auf ihre Vorwürfe reagiert oder gar zurücktritt. Sie machen weiter, weil sie einfach nur informieren wollen.