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Internationales Medien-Stipendium 2017

Jakob Simmank –
Internationales Medien-Stipendium 2017

Posted Mai 11th, 2017 in Stipendiaten by Susanne Melchior

Die Vorbereitung einer lange geplanten Reise gipfelt Ende August 2017 darin, dass ich mir gebannt ein Flutvideo nach dem anderen anschaue: Menschen paddeln in Booten zwischen Häuserdächern umher, andere waten mit verzerrten Gesichter durch hüfthohe Wassermassen. Und erst die Satellitenbilder: Die verwirbelten Wolkenschlieren rund um das Auge von Hurrikan Harvey füllen den halben Golf von Mexiko aus – und sie machen mich nervös. Denn nur wenige Wochen später werde ich selbst nach Houston fahren, ins Epizentrum der Verwüstung.

Begonnen hat alles mit einer Mail, die eine Kollegin mir schickt: „Was für Dich?“ steht im Betreff. Angehängt die Ausschreibung der Sir-Greene-Stiftung. Die Bewerbung ist schnell geschrieben, denn zwei Themen, für die ich die USA besuchen will, schwirren mir schon seit längerem im Kopf herum. Nur eine Finanzierung fehlt eben.

Ein paar Wochen später sitze ich schon in einem Konferenzraum der Sparkasse Hannover und erzähle von meinen Ideen. Die Jury ist wohlwollend – und freut sich, dass ich Wissenschaftsthemen mitgebracht habe. Nach einer Stunde Warten ist die Sache mit der Finanzierung für meine aufwendige Recherche überraschend geklärt. Ich bin überglücklich.

Tatsächlich ist die Recherche mein erster längerer Aufenthalt in den USA, und so vermischt sich die journalistische Neugier mit der eines Reisenden. In Philadelphia verbringe ich – bevor es nach Houston geht – einige Tage an der University of Pennsylvania, vor allem an der Uniklinik. Mehrmals treffe ich einen außergewöhnlichen Arzt, der der Protagonist eines langen Artikels über seltene Erkrankungen werden soll.

Er leidet an Morbus Castleman, einer seltenen und gefährlichen Erkrankung, die ihn mehrfach fast umgebracht hat. Als er feststellte, dass auch die weltbesten Experten ihm nicht weiterhelfen können, weil kaum etwas über die Erkrankung bekannt ist, beschloss er den Rest seines Lebens dieser Erkrankung zu widmen – als Patient, Arzt und Wissenschaftler.

Es ist diese Doppel- oder Dreifachrolle, die seine Erfahrungen so wertvoll macht. In seiner Herangehensweise an die vielen ungelösten Rätsel der Erkrankung verstecken sich Rezepte, wie auch anderen seltenen Erkrankungen beizukommen sein könnte – in den USA und im Rest der Welt. Denn jede seltene Erkrankung ist für sich genommen zwar selten. Kollektiv aber betreffen seltene Erkrankungen vier Millionen Deutsche und über dreißig Millionen Europäer.

Für den zweiten Teil meiner Recherche verschlägt es mich dann nach Houston. Als ich lande, fängt es an zu regnen. Der erste Regen seit Hurrikan Harvey. In der Straßenbahn will das Dach nicht dicht halten, Regen tropft auf meinen Schoß. Ich bin angereist, um über Tropenkrankheiten an der Golfküste der USA zu schreiben, die dort erstaunlich häufig sind und vor allem die Menschen treffen, die in bitterer Armut leben.

Aber noch immer steht die Stadt komplett im Zeichen der Flutkatastrophe. Und so spreche ich mit Menschen, die durchweichte Wände und Bodenplatten aus ihren Häuser reißen, damit der Schimmel die Häuser nicht unbewohnbar macht. Und ich begleite für einige Tage die Menschen, die versuchen, die gesundheitlichen Folgen der Flut abzuschwächen: Die Public-Health-Behörde, die in punkto Mückenkontrolle weltweit ihresgleichen sucht, und Tropenmediziner, die Angst vor den Erkrankungen haben, die die Mücken übertragen. Denn deren Population ist nach der Flut in die Höhe geschnellt.

Die Sir-Greene-Stiftung hat mir eine inspirierende Reise mit zwei intensiven Recherchen finanziert, die ich sonst wohl nicht gemacht hätte. Am Ende verließ ich die USA mit vielen Eindrücken – und noch mehr neuen Ideen für journalistische Projekte im Kopf.

Lesen Sie hier den Artikel „Mit der Flut kamen die Mücken“ von Jakob Simmank, veröffentlicht in: DIE ZEIT vom 5. Oktober 2017.

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Internationales Medien-Stipendium 2016

Leonore Kratz –
Internationales Medien-Stipendium 2016

Posted Februar 8th, 2016 in Stipendiaten by Reinhardt Schulz

Leonore Kratz 1000Es kam alles anders als gedacht – und wurde richtig gut! Als ich im April 2016 das Internationale Medien-Stipendium der Sir-Greene-Stiftung erhalte, will ich eigentlich zum Fernsehsender ARTE nach Strasbourg. Französisch, Fernsehen, Kulturprogramm – traumhaft. Leider wird dann nichts daraus. Der Sender nimmt in dem Jahr keine Hospitanten mehr an.

Stattdessen vermittelt mich die hervorragend vernetzte Jury der Stiftung großartig kurzfristig zur Deutschen Welle nach Bonn. Genauer gesagt in die Redaktionen Kultur Online und Französisch für Afrika. Die ehemalige Hauptstadt empfängt mich im September 2016 mit sonnigen 30 Grad. Als ich zum ersten Mal zur „Welle“ fahre, wird das Gefühl von Urlaub nicht weniger. Das Medienunternehmen liegt direkt am Rhein mit idyllischem Blick auf das leicht gewellte Siebengebirge.

Der Alltag holt mich aber schnell ein, denn ich bin vom ersten Tag an richtig eingebunden: „Auf der Biennale in Venedig läuft der erste Film in Virtual Reality, mach doch da mal eine Geschichte draus.“ Okay, mache ich … Was für ein Glück, dass der Film die Lebensgeschichte von Jesus zeigt. Dass ich die Filmbeauftragte der Landeskirche Hannovers kenne. Dass die mir einen Kontakt zur Jury vermittelt. Dass der mir am Handy live aus Venedig berichtet.

Auch die darauffolgenden Tage und Wochen bleiben spannend: Vom Interview mit YouTube-Stars auf der Kölner Fotomesse Photokina über die Kinopreview der Flüchtlingskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ bis zur Reportage über Westafrikas maritime Sicherheit inklusive einem Telefongespräch in den Senegal ist alles dabei. Besonders beflügelnd: Meine Bildergalerie über die schönsten Bibliotheken der Welt wird als meistgeklickter Artikel zum Tagessieger des gesamten Unternehmens.

Bei der Deutschen Welle entdecke ich außerdem meine Liebe zum Online-Journalismus: Wer seine Geschichte nicht nur recherchiert und schreibt, sondern  passende Fotos aussucht und platziert, Interviewpartner und Institutionen verlinkt und dann vielleicht noch ein Video einfügt, der hat sich seinen Artikel so richtig erarbeitet. Interessant ist natürlich auch die riesige Afrika-Redaktion, die neben Französisch auch auf Englisch, Kisuaheli, Portugiesisch, Amharisch und Haussa arbeitet. Darüber hinaus ist sie eine der wenigen Redaktionen der Deutschen Welle, die noch Radiosendungen produziert.

Neben den inhaltlichen Anregungen sind es vor allem die Kollegen, die mir in zahlreichen Mittagspausen und Flurgesprächen Lehrreiches, Lustiges und Persönliches mitgeben. Mit einer Kollegin ist der Draht besonders gut. Sie lädt mich in  ihre YouTube-Sendung über deutsche und amerikanische Lebenswelten ein. Spätestens jetzt ist meine Hospitanz bei der Deutschen Welle endgültig multimedial.

Manchmal muss es nicht das Ausland sein, um Abenteuer zu erleben. Aus einer unerwarteten Kursänderung von Strasbourg nach Bonn wurde eine ebenso aufregende wie anregende Zeit. Dafür möchte ich mich bei der Sir-Greene-Stiftung, allen voran bei Herrn Schulz, von Herzen bedanken.

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Internationales Medien-Stipendium 2015

Carolin Fromm –
Internationales Medien-Stipendium 2015

Posted Juni 30th, 2015 in Stipendiaten by Susanne Melchior

Carolin Fromm Dreharbeiten„Wir beantragen, dass Zwangsmaßnahmen angeordnet werden … vor allem gegen die Medien, die interessiert daran sind, alles im Zusammenhang mit dem Prozess zu veröffentlichen, konkret Carolin Fromm vom deutschen Sender ARD und Gustavo Sánchez, beide vom Portal Aristegui Noticias, sowie allen Mitgliedern dieser Medien …“

Ich lese diese Zeilen auf meinem Handy an einem Donnerstagabend im Café am Paseo de la Reforma im Zentrum von Mexiko-Stadt. Gemeinsam mit meinem Kollegen Gustavo und unserer Chefin Carmen Aristegui wollten wir den Stand unserer Recherche besprechen. Es geht um den Minister für den öffentlichen Dienst, Virgilio Andrade. Er ist ein alter Bekannter des Präsidenten Enrique Peña Nieto und hat diesen von einem Interessenkonflikt freigesprochen, den meine Kollegen von Aristegui Noticias Ende 2014 öffentlich gemacht hatten.

Unsere Quelle hatte uns bereits angekündigt, dass unsere Namen in den Gerichtspapieren aufgetaucht seien. Nun lesen wir schwarz auf weiß, dass der Minister die Richterin bittet, uns die Veröffentlichung zu verbieten – und allen Mitarbeitern unserer Medien. „Diese Anwälte will man nicht zum Feind haben“, kommentiert unsere Chefin. Sie kennt jede Leiche im Keller mexikanischer Politiker und auch diejenigen ihrer Helfer. Ich nicht. Manchmal hilft das, entspannt zu bleiben. Jetzt weiß ich allerdings nicht genau, wie ich mich fühle. Ich schwinge hin und her zwischen: „Wir haben offenbar den wunden Punkt getriggert“ und „Was wird er noch alles versuchen?“ Soll ich mich freuen? Muss ich Angst haben vor irgendwas oder irgendwem?

In Mexiko sind alleine in diesem Jahr bereits sieben Journalisten ermordet worden. Nicht in Mexiko-Stadt, hier fühlen die Kollegen sich physisch sicher, aber fast überall anders. Die meisten Angriffe auf Journalisten kommen von Staatsbediensteten, findet die Organisation Articulo 19 raus, während ich in Mexiko arbeite. Und erst einige Tagen zuvor marschierte eine Ministerin mit Anhang in die Redaktion der Zeitung „Milenio“, weil ihr ein kritischer Text missfiel. Der Chefredakteur hörte sie an, die Verfasser mussten sich rechtfertigen, der Artikel verschwand online und erschien dann mit einem komplett anderen Titel. Die Chefin der Recherchegruppe kündigte. Mehrmals sagen mir Kollegen, dass Deutschland ja Glück hätte mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der nur informieren wolle. Mexikos Medien seien abhängig vom Werbegeld der Ministerien; sie sind Unternehmen, die Geld verdienen und eben nicht primär informieren wollen. Hauptsache der Rubel rollt und dafür müssen die Politiker zufrieden sein, mit dem, was geschrieben wird.

Carolin Fromm mit KollegenGenau das haben meine Kollegen erst vor kurzem erfahren. Sie hatten aufgedeckt, dass der Präsident und seine Frau nach seiner Amtszeit in eine Luxus-Villa ziehen wollen, die einer Baufirma gehört. Diese verdient seit Jahren Hunderte Millionen mit Bauaufträgen dank Pena Nieto. Meine Kollegen recherchierten damals für ihren Arbeitgeber MVS Radio. Doch der Chef bat darum, die Geschichte nicht zu veröffentlichen. Firmeninteressen, Sie verstehen. Carmen Aristegui verstand nicht. Wenige Monate nach der Veröffentlichung wurden sie und einige Kollegen entlassen. Der Rest des Teams ging mit.

Präsident Pena Nieto stellte damals Virgilio Andrade als Minister ein, der diesen Interessenkonflikt mit der Luxus-Villa intern untersuchen sollte. Der Angeklagte wählte sich seinen Richter. Andrade sprach den Präsidenten – überraschend für wirklich niemanden – frei.

Anstatt jetzt auf unsere Interviewanfrage zu antworten, schickt Andrade sie als Beweis ans Gericht und will die Details unter Verschluss halten: Seinen unehelichen Sohn, die Vorwürfe, er habe seiner außerehelichen Partnerin mit Mord gedroht, sie zum Sex gezwungen, ihr einen Job im Ministerium verschafft und nutze seine Position, um ihre Klagen und Beschwerden zu negieren.

Zwei Monate lange durfte ich dank des Stipendiums der Sir-Greene-Stiftung bei Aristegui Noticias arbeiten. Einer kleinen Truppe engagierter Journalisten, die in einem improvisierten Büro mit kaputten Drehstühlen, zu wenig Computern und fast keinem Geld versucht, Glaubwürdigkeit und Standards hochzuhalten. Denen sechs Millionen Menschen in den sozialen Netzwerken folgen. Seitdem sie entlassen wurden, versuchen sie die Plattform Aristegui Noticias auszubauen, für die ich jetzt zwei Monate lang in Mexiko arbeite.

Nach dem ersten Schock über die Gerichtsunterlagen begleiten wir Carmen an diesem Abend zu Fuß vom Café zu CNN, wo sie jeden Abend eine Interview-Sendung produziert. Wir brauchen ewig für die wenigen Hundert Meter. Immer wieder erkennen Mexikaner sie, bedanken sich bei ihr und fordern sie auf, weiterzumachen. Nach ihrer Entlassung gingen sogar die demo-scheuen Mexikaner auf die Straße. Sie reichten Klagen ein, twitterten was das Zeug hielt, forderten andere Radiosender auf, Carmens Team einen Sendeplatz zu geben. Offenbar fehlt ihnen ihre Stimme.

Carolin Fromm MexikoIch wusste, dass Aristegui beliebt ist in Mexiko. Wie wichtig sie für freie Informationen ist, wusste ich nicht, bis ich mit dem Team arbeiten durfte. Die Mexikaner haben das Gefühl, sie sei eine der ganz wenigen, denen sie vertrauen können. Die sich nicht kaufen lassen. Carmen weiß genau, was sie will. Sie fragt, was die anderen denken – und macht es dann, wie sie es geplant hatte. Diese Autorität braucht es hier wohl.

Den Artikel über Minister Andrade haben wir übrigens veröffentlicht. Die Richterin hat uns nichts verboten und er hat auch nicht versucht, uns auf anderem Wege mundtot zu machen. Tausende Kommentare, Teilungen und Likes haben uns gezeigt, dass die Informationen bei den Menschen angekommen sind. Jetzt verstehe ich auch, warum die Kollegen immer weitermachen, immer weiter graben, obwohl in Mexiko nie jemand auf ihre Vorwürfe reagiert oder gar zurücktritt. Sie machen weiter, weil sie einfach nur informieren wollen.

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Internationales Medien-Stipendium 2015

Marina Kormbaki –
Internationales Medien-Stipendium 2015

Posted April 29th, 2015 in Stipendiaten by Susanne Melchior

Marina_Kombarki_800Journalisten stellen Fragen und erhalten, meistens, Antworten. Das ist der Kern jeder Recherche. Manchmal aber kommt man nicht zum Fragen. Manchmal ist das Gegenüber schneller, drängender, wissbegieriger, und plötzlich ist es der Journalist, der Antwort geben soll.

„Wann öffnen sie die Grenze?“
„Wie kommen wir nach Deutschland?“
„Warum tut Gott uns das an?“

Ich hatte viele Fragen, ehe ich Anfang März 2016 aufbrach zu meiner Reise ins Epizentrum der europäischen Flüchtlingskrise, in die Türkei und nach Griechenland. Drei Wochen später kehrte ich mit noch mehr Fragen im Gepäck zurück. Mit eigenen Fragen und den Fragen all der Geflüchteten, die ich kennenlernte.

Eigentlich wollte ich den Westbalkan näher kennenlernen. Ich wollte im Kosovo erfahren, warum die Menschen dort ihr Land gen Norden verlassen, wo sie doch so viel gegeben haben für dessen Unabhängigkeit. Mit diesem Anliegen hatte ich mich im Frühjahr 2015 bei der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung um ein Recherche-Stipendium beworben.

Doch dann kamen Zehntausende, Hunderttausende Syrer, Iraker und Afghanen über die Türkei nach Griechenland, nach Europa. Eine Bewegung, die Europa in seinen Grundfesten erschütterte, weil sie die ihrem Selbstverständnis nach wertebasierte Staatengemeinschaft auf die Probe stellte: Wie hältst du es mit der Solidarität, Europa? Eine Frage, auf die es bis heute keine zufriedenstellende Antwort gibt.

Die Bruchlinie dieses Dilemmas verläuft an der türkisch-griechischen Grenze – dort, wo die Geflüchteten an einem Übertritt in die Union gehindert werden sollen. Deswegen begann ich meine Recherchereise in der Türkei und beendete sie in Griechenland.

Wir hören und schreiben oft, dass die Türkei den Geflüchteten Schutz gewähren müsse, nicht ganz so weit von ihrer Heimat entfernt wie Berlin, Amsterdam oder Stockholm. Daher erkundete ich in Istanbul, was  syrische Bürgerkriegsflüchtlinge dazu bewegt, in der Türkei zu bleiben, und andere anspornt, sich auf den gefährlichen Weg über das Meer zu begeben.

Ich lernte einen Saxophonisten aus Aleppo kennen, der am Bosporus sein Glück gefunden hat – weil Istanbul eine Stadt des Jazz ist und weil in den Clubs die Herkunft der Musiker keine Rolle spielt. Der Saxophonist zeigte mir das Viertel Aksaray, wo inzwischen ein Klein-Damaskus entstanden ist: eine Enklave mit syrischen Konditoreien, Restaurants und Juwelieren. Angehörige der syrischen Mittelschicht bauen sich eine Existenz in Istanbul auf – doch wer mit nichts in die Türkei flüchtet, der will dort meist nicht bleiben. Viele Tagelöhner arbeiten schwarz und verdienen kaum mehr als 15 Euro am Tag. Sie sparen für ein Leben in Europa.

Ihr Weg dorthin führt sie meist über Izmir, nur wenige Seemeilen von der griechischen Küste entfernt. Ich reiste dorthin, weil ich hoffte, zumindest einen kleinen Eindruck vom Schleusergeschäft zu gewinnen. Womit ich nicht gerechnet hatte: dass der Menschenhandel auf offener Straße abläuft. Schmuggler, die gerollte Dollarbündel entgegennehmen. Flüchtlingsfamilien, die am Straßenrand auf Schleuser warten. Hoffnungsfroh und ängstlich zugleich. In Izmir beschloss ich, das Wort „Flüchtlingsstrom“ nicht mehr zu gebrauchen. Denn in der Gerichtsmedizin von Izmir fand ich keinen „Flüchtlingsstrom“ aufgebahrt, sondern die auf dem Weg nach Europa ertrunkene Bibiqasi, ihre kleine Tochter Hadeya und ihren kleinen Sohn Ahmad Naweed.

Die europäische Flüchtlingstragödie ist eine Tragödie nicht nur für die Geflüchteten, sondern auch für viele Europäer. Auf der griechischen Insel Chios und im nordgriechischen Dorf Idomeni lernte ich Menschen kennen, in deren Leben diese Krise hereingebrochen ist, die unter dem steten Anblick der Not der Geflüchteten leiden – und die sich doch nicht abwenden, sondern helfen. Dabei ist die griechische Wirtschaftskrise noch lange nicht ausgestanden. Immer neue Steuern und Kürzungen lasten auf der Bevölkerung, aber die Hilfsbereitschaft ist groß und Flüchtlingsheime gehen nicht in Flammen auf.

Ein ums andere Mal führten mir die Eindrücke aus dieser Recherchereise vor Augen, wie relativ doch das Wort von der Flüchtlingskrise ist. In Izmir und auf Chios meint es etwas ganz anderes, Dringlicheres als in Hannover. Ich bin der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung sehr dankbar dafür, dass ich durch sie die Möglichkeit erhielt, das menschliche Antlitz dieser „Krise“ kennenzulernen und es einem größeren Publikum mit meinen Texten näherzubringen.

Lesen Sie hier die Reportage, die Marina Kormbaki nach ihrer Reise in der HAZ veröffentlicht hat: „Ich verstehe nicht, was Gott von mir will

 

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Sonderpreis 2015

Patrick Hoffmann –
Sonderpreis 2015

Posted März 28th, 2015 in Stipendiaten by Reinhardt Schulz

ard-studio_kairo_800pxIch hatte alles organisiert. Die Anreise mit dem Geländewagen von Tunis nach Sidi Bouzid, quer durch karge Landschaften und abgelegene Dörfer. Den Dolmetscher, einen netten Tunesier, der einst in Frankfurt gelebt hatte und der mir bei meinen Interviews vor Ort helfen sollte. Und die Gesprächstermine mit Mitarbeitern einer deutschen Hilfsorganisation, die mir erklären sollten, wie sich das Land denn nun verändert hat seit der Revolution im Frühling 2011.

Nur den örtlichen Polizeichef, den hatte ich nicht auf dem Zettel gehabt.

Und so saß ich jetzt also, nach fünf Stunden Autofahrt und einem viel zu kurzen Spaziergang durch die Stadt, in einem kleinen Zimmer der Polizeistation von Sidi Bouzid, ohne Reisepass, ohne Presseausweis und ohne einen Funken Ahnung, was ich eigentlich verbrochen hatte. Eine Streife hatte mich unterwegs angesprochen und sogleich meine Papiere einkassiert. Und mich gleich mit.

Ich wurde in ein kleines Nebenzimmer der Polizeistation gebracht. Mein tunesischer Dolmetscher hockte gleich neben mir. Er übersetzte mir die wenigen Sätze, die die Polizisten auf Arabisch wechselten. Ich schaute immer wieder auf die Uhr. Es war kurz vor 12 Uhr. In drei Stunden wollte ich wieder im Geländewagen sitzen, damit ich vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Tunis sein würde. Nachts, hatte mir ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft bei meinen Reisevorbereitungen gesagt, sei es im Süden des Landes zu gefährlich für einen Europäer.

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Bouazizi-Plakat in Sidi Bouzid

Noch aber schien die Sonne über Sidi Bouzid, dieser tunesischen Kleinstadt, die im Dezember 2010 plötzlich weltberühmt geworden war. Der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi hatte sich hier selbst angezündet. Aus Verzweiflung über seine wirtschaftliche Lage und aus Protest gegen Polizeiwillkür. Bouazizis Selbsttötung hatte erst Proteste in Tunesien, dann in der gesamten arabischen Welt ausgelöst. Es war der Beginn des Arabischen Frühlings, der die Menschen auf die Straßen trieb und die Diktatoren in Tunesien, Ägypten, Libyen und dem Jemen nacheinander aus dem Amt fegte.

Was aber ist von der Revolution geblieben? Wie geht es den Menschen heute? Hat sich ihre Lage verbessert? Oder hat sie sich gar verschlechtert?

Diesen Fragen wollte ich nachgehen. Deshalb bin ich für vier Wochen von Hannover aus losgezogen, zunächst nach Tunesien, dann nach Ägypten. Unterstützt von der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung des Presse Club Hannover, die mir den Sonderpreis verliehen hatte, verbunden mit einem Stipendium. Vielen Dank an dieser Stelle, denn nur so war es mir möglich, Land und Leute für meine Berichte besser kennenzulernen, mir Zeit für sie zu nehmen.

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Leerer Souk in Hammamet

Ich unterhielt mich mit Taxifahrern in Tunis, trank Tee mit Souvenirhändlern im verlassenen Badeort Hammamet und schaute Fußball mit enttäuschten Jugendlichen. Nicht immer waren die Themen nur politisch. Für den Sport zum Beispiel traf ich mich mit Habiba Ghribi, die bei den Olympischen Spielen 2012 die erste Goldmedaille für Tunesien gewonnen hatte. Und in Sfax zeigte mir ein junger Unternehmer, wie er mit Brillen aus Holz den Weltmarkt erobern möchte.

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Blick auf Kairo

Nach zwei Wochen reiste ich weiter nach Kairo, um mich auch dort über die Lebensbedingungen im postrevolutionären Ägypten zu erkundigen. Ich traf Menschenrechtsaktivisten und Sportler, Medienschaffende und Muslimbrüder. So entstanden eine Reihe Artikel, die alle in den Zeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) erschienen. An dieser Stelle vielen Dank an das ARD-Studio in Kairo, das mich in meiner Zeit am Nil bei sich aufnahm und mir bei der Recherche half.

Übrigens: Der Polizeichef von Sidi Bouzid bestellte mich nach einer Stunde Warten dann doch endlich in sein Büro. Er steckte sich eine Zigarette an und begann seine Befragung. Wo kommen Sie her? Was machen Sie hier? Wer ist Ihr Arbeitgeber? Ich musste alles auf ein Blatt Papier schreiben. Patrick Hoffmann. Arbeiten. RedaktionsNetzwerk Deutschland. Er las sich alles durch, setzte einen Stempel unter das angerissene Blatt Papier und sagte: „Okay, jetzt können Sie sich frei in Sidi Bouzid bewegen.“ Ich nickte höflich.

Dann ließ er mich gehen. Und ich konnte doch noch meine Reportage über die enttäuschten Revolutionäre von Sidi Bouzid schreiben.

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Internationales Medien-Stipendium 2014

Ann-Kathrin Seidel –
Internationales Medien-Stipendium 2014

Posted Dezember 27th, 2014 in Stipendiaten by Susanne Melchior

Ann-Kathrin Seidel_colorEinen Monat lang Eindrücke sammeln im Libanon. Dafür nutzte Ann-Kathrin Seidel das Stipendium der Sir-Greene-Stiftung. Vom 3.11. bis 29.11.2014 war sie in Beirut.

Ihre Erfahrungen und Erlebnisse hat sie in dem Video „Ein Monat Beirut“ dokumentiert:


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Sonderpreis 2014

Mirja Fiedler –
Sonderpreis 2014

Posted September 13th, 2014 in Stipendiaten by Susanne Melchior

mirja-fiedler„Es gibt einen Plan A und einen Plan B für Sie“, sagt mir der Vorsitzende der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung, Hartmuth Schulz, nach dem Bewerbungsgespräch in Hannover. „Mehr zu sagen, wäre zum jetzigen Zeitpunkt unseriös. Aber lassen Sie auf jeden Fall Ihr Telefon an.“ Und es klingelt wirklich. Der Redakteur des Fernsehdirektors der Deutschen Welle, Fabian von der Mark, ist dran. „Wir haben Ihre Bewerbung von der Intendanz bekommen. Wir können Ihnen Washington, DC, Brüssel oder Berlin anbieten.“ Ich entscheide mich für Brüssel.

Am 14. Oktober 2014 ist es so weit. Ich sitze im Zug nach Belgien. Glücklicherweise kann ich bei einer Freundin wohnen, die ich vor zehn Jahren während meines Studiums in Washington, DC kennengelernt habe. Sie lebt mit ihrem italienischen Freund im Viertel Louise – einem angesagten Szeneviertel in Brüssel mit Geschäften, Bars und Cafés.

Doch viel Zeit zum Ausgehen bleibt mir nicht. Am nächsten Vormittag fahre ich mit der Metro ins Brüsseler Regierungsviertel, wo die Deutsche Welle ihre Büros in einem Gebäude mit der ARD hat.

Von Ebola über den Gasstreit bis zum EU-Gipfel

Zwei intensive Wochen folgen. Regelmäßig besuche ich das Midday Briefing in der Europäischen Kommission und Hintergrundgespräche. Ebola, Libyen, Irak, Syrien, der sogenannte Islamische Staat, der Mittlere Osten und die Situation im Gazastreifen sind einige der Themen, die ich recherchiere. Während Russen und Ukrainer über Gas streiten, warte ich mit anderen Korrespondenten und meinem Kamerateam vor der Europäischen Kommission auf den Durchbruch der Verhandlungen. Die angekündigten Pressestatements verzögern sich – bis in die Nacht. Tagsüber erklären aus London eingeflogene Experten anderen Journalisten und mir im Hintergrund, wie sich der Bankenstresstest zusammensetzt und die Ergebnisse auswirken könnten.

Von Brüssel an die belgische Küste

Die Korrespondenten der Deutschen Welle in Brüssel berichten aber nicht nur aus der belgischen Hauptstadt. Für den EU-Außenministerrat fliegt Studioleiter Max Hofmann zum Beispiel nach Luxemburg. Auch Den Haag und Straßburg decken die Journalisten ab.

Ich fahre für einen Dreh an die belgische Küste. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird das flämische Nieuwpoort besuchen, um dort der Flandernschlacht vor 100 Jahren zu gedenken. Für meinen Magazinbeitrag interviewe ich den belgischen Historiker Patrick Vanleene. Seine Großeltern haben erlebt, wie ein belgischer Offizier mit Erlaubnis des Königs Albert I. Schleusen öffnete und das Land flutete. So konnten die Belgier die deutsche Armee stoppen. Ein entscheidender Wendepunkt während des Ersten Weltkrieges, erzählt mit Patrick Vanleene. Anschließend kämpften die Truppen aus Schützengräben. In Diksmuide zwischen Nieuwpoort und Ypern drehe ich mit meinem Kamerateam einen nachgebauten Schützengraben, den sich auch Touristen ansehen können. In Brüssel erklärt mir der Kurator des Königlichen Armee- und Militärgeschichtemuseums, Henri Dupuis, dass die Invasion der Deutschen Flamen und Wallonen zu einer Art nationalen Gemeinschaft zusammengeschweißt habe.

Bundeskanzlerin und NATO-Generalsekretär

In Berlin übersetzen Kollegen meinen Fernsehbeitrag ins Englische. Auch für Radio und Internet produziere ich. Vor dem EU-Gipfel mit Bundeskanzlerin Angela Merkel interviewe ich den Direktor der Denkfabrik Bruegel, Guntram Wolff, zur EU-Finanzkrise. Das Radiointerview und ein Foto erscheinen online. Während des EU-Gipfels bin ich im Europäischen Rat, wo die Journalisten gespannt darauf warten, dass etwas Neues aus den Verhandlungen nach außen dringt. Korrespondenten schalten live – für die Deutsche Welle auf Deutsch und Englisch. Immer wieder stecken Verantwortliche der Delegationen den Journalisten Informationen. Unter die Korrespondenten mischt sich auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz.

Nach dem EU-Gipfel nimmt Deutsche Welle-Studioleiter Max Hofmann mich mit zum US-amerikanischen Think Tank German Marshall Fund in Brüssel. Dort hält der ehemalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg seine erste öffentliche Rede als NATO-Generalsekretär. Er spricht über seine Kindheit während des Kalten Krieges in Norwegen, neue außenpolitische Herausforderungen und seine Ziele als NATO-Generalsekretär.

Mit Kamerateam in Amsterdam

An meinem vorerst letzten Tag für die Deutsche Welle in Brüssel reise ich in die Niederlande, um dort für die Hauptabteilung Kultur und Gesellschaft zu drehen. Ich interviewe den Fotografen Hans Eijkelboom in seinem Atelier, bin mit ihm auf der Straße unterwegs und suche Hipster und andere modisch gekleidete Niederländer und Touristen für einen Beitrag in der Sendung Euromaxx.

Sightseeing und eine Auszeit in Belgien

Brüssel erkunde ich zu Fuß, mit Bus und Metro. Eine Hauptstadt mit internationalem Flair, die für viele aber nur eine Zwischenstation ist, wie mir meine Freunde erzählen. An einem Wochenende fahren wir zusammen in die Ardennen, wo die beiden sich ein kleines Chalet kaufen wollen – für Auszeiten, um vom Trubel und den Terminen in der hektischen Großstadt zu entspannen.

ARD-Korrespondent und eine Hochzeit

Natürlich nutze ich die Chance, um nach einem Midday Briefing in der Europäischen Kommission den Leiter des Brüsseler ARD-Fernsehstudios, Rolf-Dieter Krause, anzusprechen. Er erklärt mir, dass das Leben eines Auslandskorrespondenten nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile mit sich bringe. Ja, die sind mir sehr wohl bewusst. Sein Fazit unseres Gesprächs: „Sie wollen das ja wirklich.“ Ja, ich will. Und noch zwei trauen sich. Meine Freundin aus Brüssel und ihr Freund, bei denen ich gewohnt habe, heiraten im Frühjahr 2015 in Südafrika. Auf ihrer Neujahrskarte das Foto, das ich von den beiden während unseres Ausflugs in die Ardennen gemacht habe. In der Karte kündigen sie ihre Hochzeit an.

Vielen Dank für eine spannende, lehrreiche und prägende Zeit in Brüssel! Ich hoffe, dass ich die Chance bekommen werde, als Korrespondentin ins Ausland zurückzukehren. Das ist zumindest mein Plan.

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Internationales Medien-Stipendium 2013

Anika Giese –
Internationales Medien-Stipendium 2013

Posted Oktober 28th, 2013 in Stipendiaten by Susanne Melchior

AnikaGiese 390In London im Bus rückwärts zu sitzen fühlt sich wie „Zurückspulen“ im Film an. Dabei habe ich den größten Teil des Tages in die Zukunft geblickt, denn bei der BBC in der Formatentwicklung für Langformate wird Orakel gespielt. Aber nun chronologisch …

Ganz klar habe ich in meine Bewerbung geschrieben: „Ich möchte mit dem internationalen Medienstipendium zur BBC nach London.“ Und zwar in die Abteilung, die die Stoffe für Dokumentationen meist für zwei Jahre im Voraus entwickelt und pitcht. Kurz und im BBC Slang „development history and business“.  Vorhaben an die Stiftung geschrieben. Vorm Kuratorium argumentiert. Glücklich weil ausgewählt. Fine-Tuning mit großartiger Unterstützung von Herrn Schulz und Alt-Kontakten zur BBC. Ab an die Themse.

“Looking forward to meeting you on Monday. Please come to the reception of New Broadcasting House, Portland Place, London W1A 1AA for 10am and ask reception to call me“,  schreibt meine Talent Managerin in ihrer letzten E-Mail. Sie organisiert für mich Ansprechpartner, Passwörter, Telefonnummern und hat obendrein ein Lächeln bei der ersten Frage: „Was können wir tun, um die Zeit in London bei der BBC für dich optimal zu gestalten?“ Großartig, denke ich, während ich mich, meinen Laptop mit eigener BBC-Mailadresse unter den Arm geklemmt, auf dem Rundgang durch die wichtigsten Etagen des gläsernen Gebäudes befinde.

BBC 1In der siebten Etage in der Zone C sitzt meine Gast-Abteilung, die Formatentwicklung. Feste Plätze gibt es hier nicht. Jeden Morgen sucht sich Jeder eine neue Docking Station, seinen Arbeitsplatz für den Tag. Meetings und kleine Ideen-Runden werden kurzfristig in den Sofa-Ecken oder Coffee-Bar-ähnlichen Locations abgehalten, die Mittagspause rund um den Oxford Circus. Abwechslungsreich. Immer mit Blick in den Nachrichten-Kessel im Erdgeschoss. Breaking News auf Leinwänden im ganzen Haus.

In der Zone C allerdings ticken die Uhren langsamer. „Wir“ starten  auf dem weißen Blatt Papier. Themen, Bildideen, Produktionsweisen neu setzen, erfinden, dramaturgisch „out of the box“ denken. Dabei sitzt der Researcher neben der Junior Producerin, der Regisseur neben dem Leiter der Abteilung und ich mittendrin. Als Producer/Director from ARD German Television werde ich vorgestellt. Entwickeln für BBC One, BBC Two und BBC Four.

BBC 3Das Wort „Leitmotiv“ gibt’s zum Glück in beiden Sprachen. Für die Vorstellungskraft für Szenen mit
3D-Lasertechnik gibt’s keine Sprachbarrieren. Der Teamabend
im Pub lehrt das Cider- und Ale-Vokabular.  Internationale Co-Produktionen, Recherche in verschiedenen Sprachen, Genre-Hopping von Ausgrabungen in Machu Picchu, Pendler in Europa, Reformation, Mumien oder doch Expeditionen im Himalaya. Ein produktiver Einblick. Ideen für deutsche Co-Produktionen inklusive.

Dass ich als Journalistin in dieser inspirierenden Stadt in solch einer Ideen-Schmiede auf so einem hohen Niveau einen Austausch erfahren und gestalten durfte, habe ich von der ersten bis zur letzten Minute der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung zu verdanken. Herr Schulz, ohne Sie hätte ich weder die letzten Wochen meines Aufenthalts noch im ARD-Studio als Producer arbeiten noch persönliche Worte vom Intendanten der BBC entgegennehmen können. Voller Dankbarkeit und mit frischem Kopf und guten Ideen ging’s vorwärts zurück nach Deutschland.

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Internationales Medien-Stipendium 2013

Linda Kierstan –
Internationales Medien-Stipendium 2013

Posted Juli 23rd, 2013 in Stipendiaten by Susanne Melchior

Linda Kierstan 390Otjiwarongo, Otavi und Walvis Bay – diese drei Städte liegen in Namibia. Noch vor wenigen Monaten habe ich das nicht gewusst – denn noch vor wenigen Monaten hatte ich ein anderes Ziel.

Als ich das Stipendium der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung im Juni 2013 erhielt, hatte ich nur einen Wunsch: Ein Praktikum in den Vereinigten Staaten von Amerika. Das hätte auch geklappt, wäre da nicht ein Kollege gewesen, der mir von seiner schönen und spannenden Zeit in Namibia erzählte. Meine Augen fingen an zu leuchten, im Kopf begann ich sofort mit dem Packen. Die Entscheidung war schnell klar: Ich möchte nach Namibia. Einen Anruf in Hannover und eine Mail nach Namibia später, und die Richtung war geändert.

Schon die Landung auf dem Flughafen der Hauptstadt Windhuk sollte mir zeigen, was Namibia zu bieten hat: Unendliche Weite. Auf der Fahrt ins Zentrum von Windhuk habe ich mehr Affen als Autos gesehen. Kein Wunder: Das Land ist dreimal so groß wie Deutschland, hat aber nur etwa zwei Millionen Einwohner.

Linda Kierstan 3Fünf Minuten nachdem ich zum ersten Mal das Studio von Hitradio Namibia betreten hatte, war ich bereits ‚ON AIR‘. Der Chef, Wilfried Hähner, der gerade die Frühsendung moderierte, wollte den Hörern gleich die „Neue“ vorstellen. Der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser – einen besseren Einstieg hätte ich mir nicht wünschen können.

Der Sender richtet sich nicht nur an die deutschsprachige Gemeinschaft in Namibia, sondern kann via Livestream weltweit gehört werden. Offenbar wird er das auch – Fans aus verschiedenen Ländern bekennen sich dazu bei Facebook. Das Rahmenprogramm ist ein bunter Musikmix. Klassiker aus den 80ern und 90ern werden ebenso häufig gespielt wie aktuelle Songs. Immer zur vollen Stunde gibt es Nachrichten. Da ich seit 4 Jahren in der ‚heute‘-Redaktion beim ZDF arbeite, war ich darauf besonders gespannt.

Natürlich beginnen die Nachrichten mit Themen aus Namibia. Und das ist auch schon die erste Herausforderung, denn ein Agentur-System, wie ich es gewohnt bin, gibt es dort nicht.  Während in unserer Redaktion aktuelle Meldungen im Sekunden-Takt einlaufen, muss in Namibia zunächst sichergestellt werden, ob die spärlichen ‚News‘ überhaupt neu sind. Tatsächlich kann es vorkommen, dass Meldungen schon älter sind. Die Redakteure müssen also gut vernetzt sein. Kontakte machen hier den Nachrichten-Meister.

Der Chef des Senders hatte bereits eine Idee für mich: Ich sollte als Moderatorin für die Mittags- und Nachmittagssendung arbeiten. Was für ein aufregendes Angebot. Der Job entpuppte sich als meine neue Leidenschaft.

Als Moderatorin war ich für die gesamte Gestaltung der Sendungen verantwortlich. Dazu gehören das Schreiben von Meldungen, das Finden von Geschichten, das Führen von Interviews, das Wetter, der Verkehr, aktuelle Sport-Nachrichten und die Börse: Alles, was Namibia und die Welt interessieren könnte.

Linda Kierstan 2Meinen persönlich schönsten Bericht konnte ich über das Bernard Nordkamp Centre machen. Die Organisation kümmert sich am Nachmittag um Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen. Beim BNC bekommen sie Essen, Schulmaterial, Nachhilfe und nicht zuletzt die nötige Aufmerksamkeit. Nicht nur die Arbeit der vielen Freiwilligen hat mich beeindruckt, sondern auch die scheinbar unerschütterliche Fröhlichkeit der Kinder, die nichts und manchmal auch niemanden haben. Das sehen und erleben zu dürfen, waren Eindrücke, die für immer in meinem Kopf bleiben werden.

Dank Hartmuth Schulz, dem Team der Stiftung und all den lieb gewonnenen Mitarbeitern bei Hitradio Namibia, durfte ich nicht nur dieses schöne Land und seine Menschen kennenlernen, ich habe auch Einblicke in einen Kontinent bekommen, die mir ein Stück weit die Augen geöffnet haben. Außerdem weiß ich jetzt nicht nur, wo Otjiwarongo, Otavi und Walvis Bay liegen – ich beherrsche sogar die Aussprache dieser Städte.

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Leibniz-Stipendium 2013

Jacqueline Bohrmann –
Leibniz-Stipendium 2013

Posted März 27th, 2013 in Stipendiaten by Susanne Melchior

Bohrmann 390-1Zwei Wochen Brüssel. Zwei Wochen mitten drin im Europaparlament. Und zwei Wochen Politik pur. Das war für mich das Leibniz-Stipendium.

Bei den Erfahrungsberichten, die ich vor meiner Bewerbung bei der Sir-Hugh-Greene-Stiftung gelesen hatte, fand ich es immer schade, dass so wenig über das Auswahlverfahren geschrieben wurde. Jetzt aber weiß ich, dass das erst der Anfang ist.

Logisch war ich aufgeregt, als ich vor dem Gremium Rede und Antwort stehen musste. Aber es war echt eine tolle Atmosphäre. Es ging um meinen Lebenslauf, aktuelle Geschehnisse und um meine Zukunft. Eigentlich wollte ich mit dem Stipendium ins Bundespresseamt.

Nachdem ich es erhalten hatte, gab es aber ein Gespräch, bei dem mir ganz andere Möglichkeiten offenbart wurden. Ich hatte ja gedacht, dass sich das Leibniz-Stipendium auf Deutschland beschränkt. Umso mehr habe ich mich gefreut, als es hieß: „Wie wäre es denn mit Brüssel?“. Innerlich war ich schon am Hüpfen und Purzelbäume schlagen, als der Plan konkreter wurde. Und so konnte ich für zwei Wochen in das Büro von Rebecca Harms, der Vorsitzenden der Grünen im EU-Parlament. Dort habe ich vor allem ihre Pressesprecherin Ruth Reichstein begleitet und unterstützt.

Als Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament ist Rebecca Harms eine gefragte Interviewpartnerin. An einem Tag kamen da schon mal sieben Interviews zusammen. Und es war beeindruckend zu sehen, wie schnell Rebecca von den Unruhen in der Ukraine über Fracking bis hin zu den Klimazielen der EU auf Knopfdruck spannende Antworten geben konnte. Dazwischen hat sie noch an einer Podiumsdiskussion teilgenommen und abends ist sie selbst in die Ukraine geflogen.

In Brüssel wird Politik gemacht. Nach meinem Politikstudium war es für mich ein neuer Impuls und eine neue Erfahrung, europäische Politik live zu erleben und von einer ganz anderen Seite als der wissenschaftlichen zu sehen, wie die Rädchen ineinander greifen.

Das Beste an den zwei Wochen war, dass ich überall mit hin durfte. Auch wenn die Bürotür öfter mal geschlossen wurde, durfte ich mit drin bleiben. Ich konnte an einer Abendveranstaltung der Grünen mit Journalisten teilnehmen, bei einer Fraktionssitzung zuhören und bei Dreharbeiten zu kurzen Filmen mithelfen.

Auch die Zeit, in der ich in Brüssel war, war sehr spannend. Denn die Grünen haben im Vorfeld der Europawahlen eine Vorwahl im Internet veranstaltet. Bei der sogenannten „Primary“ haben aber nur 22.000 Europäer abgestimmt. Ein Fiasko. Die Ergebnisse wurden während meiner Hospitanz vorgestellt, und Rebecca wurde leider nur Dritte. Im Anschluss konnte ich erleben, wie in der Politik eine Strategie aufgestellt wird und das komplette Büro für eine Sache kämpft. Denn Rebecca Harms musste nun gegen Ska Keller, die bei den Vorwahlen gewonnen hatte, für Listenplatz eins der deutschen Liste kandidieren. Den konnte sie am Ende auch verteidigen.

Ich möchte nach den zwei Wochen in Brüssel vielleicht keine Pressesprecherin werden, aber ich möchte weltwärts. Es war für mich beeindruckend zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit die Mitarbeiter des Parlaments von Englisch über Französisch bis hin zu Italienisch gewechselt haben. Die internationale Zusammenarbeit wird in der EU nicht nur gepredigt, in Brüssel wird sie gelebt. Ich habe gemerkt, dass ich die Arbeit der Korrespondenten in Brüssel sehr interessant finde, auch wenn ich sie nur am Rande bestaunen konnte. Die EU ist einfach eine tolle Idee, hinter der ich jetzt noch mehr denn je stehe, auch wenn es sicherlich unzählige Kritikpunkte gibt.

Ich bin für diese Erfahrung unendlich dankbar und möchte mich persönlich bei Rebecca Harms und Ruth Reichstein bedanken, dass sie mich so super aufgenommen haben und ich überall mal reinschnuppern durfte. Außerdem geht mein Dank an Herrn Schulz und Prof. Schmidt, die mich bei den Vorbereitungen tatkräftig unterstützt haben.