Leonie Urbanczyk
Sonderpreis Handwerk 2026
„ Nele geht erst mal aufs Dach“
Leonie Urbanczyk (Jahrgang 2000) hat ihr
Journalistik-Studium an der Universität Hamburg absolviert und arbeitet jetzt als
Wirtschaftsvolontärin beim Hamburger Abendblatt. Den vom Mediennetz Handwerk
gestifteten Sonderpreis erhielt sie für ihren Beitrag „Trotz Abi von 1,9: Nele
geht erst mal aufs Dach statt in den Hörsaal“, der am 6. August 2026 im
Hamburger Abendblatt erschienen ist. Idee und Realisierung des Projekts
beschreibt sie so:
Ausgangspunkt und
journalistische Idee
Die aktuelle Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt war der
Ausgangspunkt meiner Geschichte. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks
verzeichnete dieses Jahr von Januar bis Juli im Vergleich zum Vorjahreszeitraum
ein Plus von 4,9 Prozent bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen.
Bereits 2025 war die Gesamtzahl mit 132.576 neuen Ausbildungsverträgen das
dritte Jahr in Folge gestiegen.
Mein Ziel war es,
diese positive Entwicklung nicht allein über Zahlen und Verbandsaussagen
darzustellen, sondern an einer Person zu veranschaulichen. Dadurch wollte ich
die abstrakten Zahlen für verschiedene Leserinnen und Leser greifbarer machen.
Denn die Geschichte eines Menschen bleibt häufig stärker im Gedächtnis als die
Zahlen.
So entstand die Idee, eine junge Abiturientin zu
porträtieren, die sich zunächst bewusst gegen ein Studium und für eine
handwerkliche Ausbildung entschieden hat. Bereits die Formulierung „Trotz Abi
von 1,9“ im Titel greift eine verbreitete Vorstellung auf. Ein gutes Abitur
wird vielfach mit einem anschließenden Studium verbunden. Die Ausbildung und
die Stärken des Handwerks geraten in den Hintergrund.
Protagonistin
Die Handwerkskammer schlug mir mehrere potenzielle
Protagonisten vor. Ich entschied mich schließlich für Nele, weil sich an ihrer
Biografie verschiedene Themen des Handwerks erzählen lassen.
Allein als Frau gehört sie in ihrem Beruf zu einer
Minderheit. Nach Angaben der Hamburger Handwerkskammer liegt der Frauenanteil
unter den Auszubildenden nur bei 18,3 Prozent.
Gleichzeitig zeigte sich im Gespräch, dass sie neben ihrem
guten Abitur auch konkrete Ziele mit der Ausbildung verfolgte. Die vielfach dem
Studium vorgeworfene fehlende Praxisnähe, lobt Nele im Handwerk. Während viele
andere sich nach dem Abitur auf einen Studienplatz bewarben, begann Nele die
Ausbildung zur Dachdeckerin. Sie wollte etwas Neues ausprobieren, richtig
arbeiten.
Ihre Entscheidung ist dabei keine Abkehr von Bildung. Nach
ihrer Ausbildung möchte sie perspektivisch Lehrerin werden. Am Ende ist es kein
entweder/oder zwischen Ausbildung und Studium.
Recherche und
Umsetzung
Für den Beitrag besuchte ich Nele an ihrem Arbeitsplatz auf
einer Baustelle in Hamburg. Mir war dabei wichtig, die Kulisse einzufangen und
die Leserinnern wie Leser auf das Dach und in Neles Arbeitsalltag zu holen. Vor
Ort konnte ich außerdem beobachten, wie die Arbeitskollegen miteinander
interagieren und die Stimmung einfangen.
Ich sprach mit ihr über die Entscheidung, ihren
Ausbildungsalltag, die Reaktionen ihres Umfelds und ihre beruflichen Pläne. Das
Gespräch selbst gestaltete sich am Anfang etwas zurückhaltend, da Nele
selbstverständlich nie mit Journalistinnen zu tun hat. Durch konkrete
Nachfragen entwickelte sich jedoch ein offenes Gespräch.
Ihre persönlichen Beobachtungen verband ich mit Daten und
Einschätzungen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, der Agentur für
Arbeit, der Hamburger Handwerkskammer und einer Studie der Bertelsmann
Stiftung. Auf diese Weise sollte Neles Geschichte nicht als Einzelfall stehen
bleiben, sondern in eine größere Entwicklung eingeordnet werden.
Am Ende war es mir wichtig, auch ihren Wunsch später noch
einmal zu studieren zu benennen. Schließlich soll es nicht darum gehen, eine
Ausbildung und ein Studium als Kontraste zu sehen. Vielmehr kann dadurch auch
die Chance aufgezeigt statt eines „GapYears“ oder verschiedenen Praktika eine
handwerkliche Ausbildung zu starten und damit einen anderen Einblick zu
erhalten und den eigenen Berufswunsch sogar noch zu stärken.
Gesellschaftliche
Relevanz
Neles Erfahrung zeigt, dass handwerkliche Ausbildungswege an
Schulen teilweise noch zu wenig sichtbar gemacht und gegenüber akademischen
Wegen geringer bewertet werden. Gleichzeitig suchen viele Betriebe dringend
Nachwuchs. Besonders junge Frauen sind in zahlreichen Gewerken weiterhin
deutlich unterrepräsentiert.
Die Geschichte möchte deshalb keine allgemeine Entscheidung
gegen das Studium propagieren. Sie plädiert vielmehr für eine
Berufsorientierung, die unterschiedliche Bildungs- und Karrierewege
gleichberechtigt vorstellt. Junge Menschen sollten sich nach ihren Interessen
und Fähigkeiten entscheiden können, anstatt gesellschaftlichen Erwartungen
folgen zu müssen.
Ziel
Mein Ziel war es, dem Handwerk ein junges, persönliches und
differenziertes Gesicht zu geben. Der Artikel soll zeigen, dass eine Ausbildung
eine bewusste Entscheidung sein kann, sichtbare Ergebnisse ermöglicht und
Zukunftsaussichten für verschiedenste Menschen eröffnet.
Nele soll stellvertretend für junge Menschen stehen, die
ihren eigenen Weg gehen. Ihre Geschichte zeigt das Handwerk als vielfältige und
vor allem zukunftsfähige Arbeitswelt – und zugleich als Bereich, in dem
hinsichtlich gesellschaftlicher Anerkennung, Berufsorientierung und
Geschlechterverteilung noch viel zu tun bleibt.