Pinar Dogantekin
Internationales Medien-Stipendium 2026
„Eine Stadt zieht in den Untergrund“
Die freie Journalistin Pinar Dogantekin (Jahrgang 1995) lebt in Braunschweig. Sie hat unter anderem für den Spiegel, den Tagesspiegel und die Neue Zürcher Zeitung gearbeitet und kommuniziert darüber hinaus ihre Themen über einen eigenen Instagram-Kanal. Mit dem Internationalen Medien-Stipendium fördert die Sir-Greene-Stiftung das von ihr vorgeschlagene Rechercheprojekt zum Thema „Eine Stadt zieht in den Untergrund“.
Ausgangspunkt ihrer geplanten Recherche ist die Stadt Toronto, eine Millionenstadt, unter der sich ein zweiter Stadtraum – der sogenannte PATH – befindet. Sie will untersuchen, welche neue Bedeutung solche Räume bekommen, wenn sich das Klima unserer Städte verändert.
Ihr Projekt beschreibt sie so:
Draußen ist kanadischer Winter. Schnee treibt durch die Straßenschluchten, eisiger Wind weht zwischen den Hochhäusern, die Temperaturen liegen weit unter dem Gefrierpunkt. Wer in Toronto zur Arbeit geht, kann diesem Winter allerdings entkommen. Eine Rolltreppe führt hinunter: zu Restaurants und Supermärkten, Friseursalons und Fitnessstudios, Bürotürmen, U-Bahn-Stationen und Kinos. Wer es darauf anlegt, kann hier Tage über Tage verbringen, ohne wieder ins Freie zu müssen.
Denn unter Torontos Innenstadt liegt eine zweite Ebene der Stadt: der PATH. Mehr als 36 Kilometer weit zieht sich das Netz aus unterirdischen Fußwegen. Es verbindet mehr als 75 Gebäude mit Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen und erschließt Millionen Quadratfuß Gewerbefläche. Rund 200.000 Pendlerinnen und Pendler nutzen das System an einem gewöhnlichen Werktag. Es ist das größte unterirdische Fußwegareal der Welt.
Was lange vor allem eine Besonderheit von Toronto war, könnte angesichts des Klimawandels eine neue Bedeutung bekommen. Die Stadt wird heißer, schwüler und nasser: Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten in Toronto jährlich bis zu 50 Tage mit Temperaturen über 30 Grad auftreten, zugleich werden extreme Niederschläge intensiver; heftige Winter- und Eisstürme bleiben weiterhin ein Risiko. Der PATH bietet genau das, was an solchen Tagen knapp wird: einen geschützten, klimatisierten Raum, in dem Menschen sich weiter durch die Stadt bewegen und einen Teil ihres Alltags sicher bestreiten können.
Die Architekturprofessorin Laura Miller von der University of Toronto beschäftigt sich seit Jahren mit dem PATH und der Frage, welche Art von Urbanität in diesem ungewöhnlichen Raum entstehen kann. Mit ihr habe ich bereits ein erstes Gespräch geführt. Für meine Recherche möchte ich daran anknüpfen und untersuchen, welche Rolle ein System wie der PATH in einer Stadt spielen kann, deren Klima sich verändert.
Gerade für Menschen, die gegenüber Wetterextremen besonders verletzlich sind – etwa ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen oder Menschen ohne eigenen klimatisierten Rückzugsort – könnten solche geschützten Stadträume künftig wichtiger werden.
Wie dringend Städte neue Antworten auf extreme Hitze brauchen, hat Europa erst in diesem Sommer erlebt: Während der Rekordhitzewelle im Juni 2026 stiegen die Temperaturen in Paris wochenlang auf über 40 Grad, Schulen und öffentliche Einrichtungen mussten schließen. Die Frage, wie Menschen ihren Alltag in einer immer heißeren Stadt trotzdem weiterführen können, ist längst keine theoretische mehr.
Dabei wurde der PATH nie als Klimaanpassungsprojekt geplant. Seine Geschichte beginnt lange vor der heutigen Klimadebatte. Schon um 1900 verband ein Tunnel zwei Gebäude des Kaufhauses Eaton’s; in den folgenden Jahrzehnten entstand daraus Stück für Stück das heutige Netz. Seit den 1960er und 1970er Jahren wuchs es mit den großen Bürokomplexen Downtown immer weiter. Und es wächst bis heute. Torontos Stadtplanung sieht ausdrücklich vor, neue Entwicklungen an den PATH anzuschließen und das Netz zu erweitern.
Was vor mehr als hundert Jahren aus ganz anderen Gründen begann, könnte ausgerechnet in Zeiten des Klimawandels an Bedeutung gewinnen. Um zu verstehen, welche Rolle der PATH heute und künftig für Toronto spielen kann, möchte ich die Stadt zweimal besuchen: einmal im tiefsten kanadischen Winter und einmal im heißen, schwülen Hochsommer.
Ich will dieselben Wege durch den PATH und an der Oberfläche zurücklegen, beobachten, wann und warum Menschen nach unten ausweichen, und Pendlerinnen und Pendler auf ihren alltäglichen Wegen begleiten. Mich interessiert, ob sie den PATH lediglich nutzen, um von A nach B zu gelangen, oder ob sich bei extremem Wetter auch Freizeit und Alltag stärker unter die Erde verlagern und wie unterschiedlich der ober- und unterirdische Stadtraum im Winter und im Sommer funktioniert.
Dazu kommen Gespräche mit Laura Miller und weiteren Forschenden aus Architektur, Stadtplanung und Klimaanpassung, mit Verantwortlichen der Stadt Toronto wie Bürgermeisterin Olivia Chow sowie mit Vertreterinnen und Vertretern der Immobilienunternehmen, denen große Teile des Netzes gehören. Mich interessiert nicht nur, ob der PATH vor Extremwetter schützt, sondern auch, wem dieser Schutz offensteht.
Denn der PATH ist kein gewöhnlicher öffentlicher Raum. Große Teile verlaufen durch privat kontrollierte Gebäude. Öffnungszeiten, Sicherheitsdienste und Eigentumsverhältnisse bestimmen mit, wer sich dort wann bewegen kann. Sollte der klimatisierte Untergrund in Zukunft wichtiger werden, entsteht deshalb eine soziale Frage: Was passiert, wenn ein Teil des wettergeschützten Stadtlebens in Räume wandert, die nicht allen gleichermaßen gehören?
Toronto ist dabei mein Hauptschauplatz. Doch die Stadt steht mit dieser Entwicklung nicht allein. Montreal besitzt ebenfalls ein kilometerlanges unterirdisches Fußwegenetz; Helsinki plant seinen Untergrund seit Jahrzehnten systematisch und nutzt ihn für Verkehr, Versorgung, Freizeit und Zivilschutz. Singapur wiederum erschließt den Raum unter der Stadt angesichts von Flächenknappheit und wachsender Anforderungen an urbane Resilienz.
Diese Städte sollen keine gleichwertigen Fallstudien werden, sondern Toronto international einordnen. Denn ihre Motive unterscheiden sich: Extreme Jahreszeiten, Platzmangel, Verkehr, Versorgung, wirtschaftliche Interessen, Klimaanpassung und Zivilschutz führen an sehr verschiedenen Orten zu derselben räumlichen Bewegung – nach unten.
Während Städte im vergangenen Jahrhundert vor allem in die Höhe und in die Fläche gewachsen sind, könnte der Untergrund zu einer neuen urbanen Ressource werden. Meine Recherche fragt deshalb am Beispiel Toronto: Welche Rolle kann der Raum unter unseren Städten in Zeiten des Klimawandels spielen? Und ist Torontos PATH ein Vorgeschmack auf die klimaangepasste Stadt der Zukunft?