Franziska Wessel

Sonderpreis Fachmedien 2026

Stipendiatin
Das Projekt

„Davids Finale“

Franziska Wessel (Jahrgang 1995) hat ihr Handwerk an der Reportageschule in Reutlingen gelernt. Seit April 2026 ist sie Reporterin mit dem Schwerpunkt Reportagen im Niedersachsen-Ressort der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

Den Sonderpreis Fachmedien erhält sie für ihren Beitrag „Davids Finale“, der am 1. August 2026 in der Ausgabe 8/9 des Magazins „tanz“ erschienen ist. Sie können ihn hier lesen (PDF).

Franziska Wessel beschreibt den Inhalt und die Umsetzung des Artikels so:

Die Reportage handelt vom Bühnenabschied des Balletttänzers David Valencia. Seine Karriere begann in einer Ballettschule in Kolumbien: Hier war er sicher vor den Schießereien in seinem Viertel. Disziplin brachte ihn bis auf die Bühne des Münchner Theaters am Gärtnerplatz, 16 Jahre gehörte er zur Compagnie. Das Theater ist zum Fixpunkt seines Lebens geworden. Im vergangenen Sommer beendete er seine Karriere freiwillig – mit 38 Jahren. In seinen Knien ist kaum noch Knorpel. Er wollte nicht mehr gegen seinen Körper kämpfen.

In den Wochen vor seinem Abschied, im Sommer 2025, trainiert David für seinen letzten Tanz: Starchoreograph Marco Goecke inszeniert “Le Sacre du Printemps” in einer Premiere am Gärtnerplatztheater. Es ist eines der bekanntesten Ballettstücke. In Goeckes Choreographie tanzt David das finale Solo, den Höhepunkt des Stücks. Es sind diese Superlative, die den Tanz für David zum wichtigsten seiner Karriere machten. Und die Versagensängste in ihm auslösen.

David Valencias Bühnenabschied erzählt von Verlust: Was sein Leben ausgemacht hat, kommt zu einem unwiderruflichen Ende. David helfen seine Freunde vom Theater und seine Ehefrau, die ebenfalls am Gärtnerplatz tanzt. Durch sie ist das Theater zu Davids Zuhause geworden, das ihm bleibt – auch, wenn er nicht mehr tanzt. Seine Geschichte handelt auch vom menschlichen Bedürfnis, ein Vermächtnis zu erschaffen. Für ihn bestimmt der letzte Tanz, wie er auf seine 30-jährige Karriere zurückblicken wird. Solange seine Karriere nicht vorbei ist, kann er noch scheitern. Am Ende bleibt die Frage: Wie geht das Leben weiter, wenn man sich seinen größten Traum schon erfüllt hat?

Meine Recherche begann im Juni 2025. Ich war Teil des 20. Jahrgangs der Reportageschule Reutlingen und wollte einen Menschen durch eine Zäsur im Leben begleiten. Dabei sein, wenn sich ein Leben grundlegend ändert. Von der ersten Idee, eine Ballerina während des Aufnahmeprozesses an einer Ballettakademie zu porträtieren, kam ich zum Gegenteil: Was passiert, wenn etwas so Vereinnahmendes wie eine Ballettkarriere endet? Wenn das, wofür man jahrzehntelang gelebt hat, fast vorbei ist?

Das Theater am Gärtnerplatz in München bot sich für meine Recherche an, da mehrere Tänzer:innen die Compagnie zum Ende der Spielzeit 2025 verließen, darunter David Valencia. Im ersten Gespräch stellte sich heraus, welche Bedeutung sein letzter Tanz für ihn im Gegensatz zu einigen Kolleg:innen hat, und dass er bereit wäre, sich bis zu seinem Karriereende begleiten zu lassen.

Ich habe David Valencia in einen Zeitraum von zweieinhalb Wochen (15. Juli bis 1. August) mehrfach getroffen. Einige Male im Gärtnerplatztheater: Ich führte mehrere Gespräche mit ihm und begleitete sowohl die Proben im Übungssaal, die abendlichen Proben auf der Bühne als auch einen Auftritt. So erlebte ich all die Begegnungen mit seinen Freunden und Kollegen, die das Theater für David so besonders machen. Ich beobachtete die Veränderung von betonter Lässigkeit in der Kaffeepause zu absoluter Konzentration im Übungssaal. Auch durfte ich ihn in seinem Zuhause in München-Sendling besuchen und traf ihn in einem Restaurant. Einige Tage später traf ich David in Ludwigsburg vor seinem allerletzten Auftritt und begleitete den Abend der Dernière. Im Juli 2026 führten wir ein Videotelefonat.

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