Alexander Nortrup –
Internationales Medien-Stipendium 2008

30 Tage Dakar – ein nasses Vergnügen

Es brizzelt – dann geht der Ventilator aus. Und mit ihm das Licht, genau wie in allen Häusern auf der anderen Straßenseite. Na prima. Warum muss es eigentlich ununterbrochen regnen, in Afrika, im August?

Das internationale Medienstipendium der Sir-Hugh-Carlton-Greene-Stiftung hat es mir ermöglicht, eine ganz besondere Erfahrung zu machen. Vier Wochen in einer Tageszeitungsredaktion in Senegals Hauptstadt Dakar – das war extrem aufregend. Und ziemlich nass.

Sommer im Senegal, das klingt nach Sonne pur. Aber wer wie ich mitten in der Regenzeit nach Westafrika reist, erlebt meist ordentliche Niederschläge. Mein persönlicher Spitzenwert in diesem Sommer waren 80 Millimeter pro Quadratmeter in einer Nacht. Klar, es war ungewohnt, auf Strom zu verzichten und bei Kerzenschein im Bett zu lesen. Und auch ein wenig lästig, mehrmals in der Nacht mein Zimmer mit einem kleinen Teppich zu feudeln, weil das Wasser unter dem Türspalt hindurch kam.

Für viele andere in Senegal bedeutete das Unwetter allerdings eine menschliche Tragödie: Ganze Viertel standen tagelang unter Wasser, Strom und Wasserversorgung waren unterbrochen, Mauern stürzten ein und begruben ganze Familien unter sich. Als wir am Tag nach einem Regenguss die schwangere Frau meines Gastgebers zur Routineuntersuchung ins Krankenhaus bringen mussten, wateten wir mit Schlappen durch Seen, in denen eine stinkende Mischung von Pferdeäpfeln, Altöl und Hausmüll schwamm. Das war ziemlich eklig, aber meine Füße haben es überstanden. Maßstäbe verschieben sich schnell.

Die Fähigkeit der Senegalesen, mit wenig zufrieden zu sein, fand ich nicht nur in diesen Zusammenhang beeindruckend. „Après la pluie, c’est le beau temps“ – „Nach dem Regen scheint bald wieder die Sonne“, das habe ich ziemlich oft gehört. Zweckoptimismus? Vielleicht. Weil staatlich organisierte Strukturen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens fehlen, muss sich jeder selbst helfen. Das ist nicht nur romantisch, hat aber durchaus auch zur Folge, dass man sich untereinander aushilft.

Dank der mangelhaften Infrastruktur habe ich in Senegal viel über mein eigenes Land gelernt: Stabile Häuser, sichere Stromleitungen und saubere Straßen sind absolut nicht selbstverständlich. Wenn ich gesagt habe, dass ich aus Deutschland komme, hat fast jeder mir anerkennend zugeraunt: „Tolles Land. Alles sauber, schöne Autos.“ Ich bin sicher, das ist nicht das Selbstbild der meisten Deutschen.

Das Stipendium der Sir-Greene-Stiftung hatte ich noch als Volontär bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bekommen. Bald danach war ich als Chef vom Dienst in die Pressestelle einer Gewerkschaft gewechselt. So hatte erst einmal der neue Job Priorität, an eine mehrwöchige Auszeit war nicht zu denken. Als ich dann mit meiner Tochter acht Monate Elternzeit verbracht habe und meine Frau in ihren Sommerferien auf die Kleine aufpassen konnte, ergab sich endlich die Gelegenheit für einen längeren Trip.

Mein Ziel: Ich wollte den Alltag einer Zeitungsredaktion in Afrika kennenlernen. Und vielleicht ein paar eigene Geschichten mitbringen. Diesen Kontinent ohne Hilfsprojekte, Katastrophen und Krankheiten erleben, im Normalmodus. Vielleicht sogar ein bisschen „middle class“ besichtigen. Über das international institute for journalism (iij), eine vom Bund finanzierte Weiterbildungseinrichtung für Journalisten aus Ländern, in denen solche Angebote fehlen, bekam ich Kontakt zu einem senegalesischen Journalisten. Hartmuth Schulz von der Sir-Greene-Stiftung ließ mir große Freiheiten und unterstützte mich zugleich auf jedem Schritt meiner Planung. So konnte ich – ziemlich aufgeregt – Ende Juli 2012 die Reise antreten.

Ich war vorher zwei Mal in Afrika gewesen: Namibia, eine klassische Tourismus-Pressereise. Und Eritrea, eine HAZ-Recherchereise mit der Medizinischen Hochschule Hannover. Nun also das dritte Mal Afrika, nach dem Norden und dem Süden der äußerste Westen. Dazu ein französischsprachiges Land, passend zu meinen Sprachkenntnissen. Und das erste Mal ein Tagflug.

Nachdem wir Gibraltar überflogen haben, zeugt mein erster Tagebucheintrag schon von einer leicht verklärten Afro-Romantik: „Etwas so schönes wie die Schäfchenwolken über der Wüste unter uns, die ersten Botschafter Afrikas, habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“ Sei’s drum, schön ist schön. Nach fünf Stunden Flug ab Paris schwebt die Maschine vom Meer kommend auf den Léopold-Sédar-Senghor-Flughafen von Dakar zu. Ein phantastisches Panorama: Erst das blaue Meer, dann die Stadt in der Abenddämmerung. Überall Lichter, der Flieger rast scheinbar auf das Wasser zu, erst im letzten Moment taucht die Landebahn auf. Das Abenteuer beginnt.

Senegal ist kein typisches afrikanisches Land. Nach der Unabhängigkeit 1960 gab es dort keinen Krieg, keinen Umsturz und keine sonstigen Katastrophen. Stattdessen Demokratie und inzwischen zwei unblutige Regimewechsel – den letzten erst im April 2012. Es gibt in diesem Land allerdings auch keine Touristen-kompatiblen Landschaften, kaum wilde Tiere in freier Wildbahn (jedenfalls keine, die Touristen sehen wollen). Dafür  eine vibrierende Hauptstadt: Dakar, einst das Zentrum der westafrikanischen Kolonien Frankreichs. Hier hütet die Zentralbank der westafrikanischen Länder die gemeinsame Währung, hier werden Musik und Kultur groß geschrieben. Wenn ich jetzt die Augen schließe und an Dakar zurückdenke, fällt mir vor allem der Lärm ein. Überall wird gerufen, gepfiffen, gehupt und Musik gehört. Dakar schläft niemals – so heißt eine beliebte Tanzsendung in Senegals Privatsender tfm. Der Name ist kein Zufall.

„Du darfst auf keinen Fall in einem Hotel wohnen!“ Mein Journalistenkollege Mamadou hat mich sofort zu sich eingeladen, nachdem klar war, dass ich bei seiner Zeitung hospitieren würde. Sein Zuhause liegt knapp eine Autostunde von Dakars Stadtzentrum entfernt, im Viertel „Rufisque 2“, einer ziemlich anarchischen Ansammlung von Neubauten. Auch Mamadous Haus ist irgendwie im Rohbau stecken geblieben – das erste Stockwerk nur angedeutet, die Wände nicht verputzt, fließend Wasser gibt es nur unregelmäßig. Der Empfang ist sehr herzlich, die ganze Familie heißt mich willkommen. Dennoch fühle ich mich am ersten Abend sehr unwohl, weil ich es nicht gewohnt bin, Toilette, Dusche und Küche mit Kakerlaken zu teilen. Und erst recht nicht das winzige Zimmer mit einem Fremden, der kaum Französisch spricht. Der Platzmangel macht es erforderlich, dass ich bei Mamadous Bruder schlafe. Doch schon am nächsten Morgen habe ich mich mit dem neuen Zimmernachbarn angefreundet – und gelernt, wie man die Insekten effizient mit den Flip-Flops erschlägt.

Meine ersten Eindrücke: Jungs, die mit Pferdekarren durch unser Viertel heizen. Der Geruch von Zwiebeln und Couscous. Fußballspielende Kinder. Ziegen auf der Wiese vor dem Haus. Supermärkte gibt es nicht, Discounter schon gar nicht. Essen wird auf dem Markt gekauft, an Straßenständen, beim Nachbarn. Abends wird groß gekocht und lange getafelt. Fast alle außer mir sind Muslime, und im August ist dieses Jahr nicht nur Regenzeit, sondern auch der Fastenmonat Ramadan. Es wird gefastet – von früh um fünf bis abends um kurz vor acht – und spät abends dann opulent gespeist. Für meinen Biorhythmus eher ungewohnt.

„Sud Quotidien“ (kurz: Sud) ist zwar nicht das auflagenstärkste, dafür aber eines der journalistisch relevantesten Blätter in Dakar. 2004 wurde ein Reporter der Zeitung verhaftet, weil er ein Interview mit Aufständischen aus dem Süden des Landes veröffentlicht hatte. Das gefiel dem Staatspräsidenten gar nicht, er ließ den Journalisten kurzerhand ins Gefängnis werfen, ohne Prozess, ohne Begründung. Ein Aufschrei ging durch das Land, Amnesty und Reporter ohne Grenzen sorgten für internationale Aufmerksamkeit, alle anderen Tageszeitungen druckten am nächsten Tag einen gemeinsamen Appell für Pressefreiheit und Grundrechte. Resultat: Der Reporter wurde aus dem Gefängnis entlassen, die Zeitung durfte weiter erscheinen, musste aber danach für acht Jahre weitgehend ohne staatliche Anzeigen auskommen.

Abonnements gibt es nicht, entscheidend ist der Straßenverkauf, was durchaus wörtlich zu nehmen ist: Die Verkäufer laufen im sich stauenden Verkehr zwischen den Autos umher und preisen die aktuellen Ausgaben an. Hier hat Sud Defizite, denn die Zeitung erscheint in Schwarz-Weiß und ist damit weniger attraktiv als die Konkurrenzblätter mit ihren bunten Aufmachern, zudem ist die Fotoqualität im Innenteil miserabel.

Nichtsdestotrotz genießt die Zeitung ein hohes Ansehen: Immer wieder hat sie Meldungen exklusiv, die Kommentare sind oft scharfzüngig und treffend.

Mein erster Tag in der Redaktion ist ziemlich unspektakulär. Als ich an einem Dienstagmorgen um 10 Uhr ankomme, sind erst zwei Sekretärinnen da. „Die Redakteure kommen gegen Mittag“, erklären sie mir – das wäre in Deutschland nicht anders. Mein erster Eindruck: unspektakulär. Eine halbe Etage in einem langweiligen Bürokomplex, drei Redaktionsräume mit insgesamt zwölf Arbeitsplätzen, Dell-Computer, dazu Büros für die Chefs und ein Konferenzraum. Dass hier eine Zeitung entsteht, würde man wohl kaum glauben, wenn es nicht an der Tür stünde.

Kurzes Meet & Greet mit dem amtierenden Chefredakteur, Vieux Savané, einem kultivierten Mann, der mir sofort gefällt. Wie fast jeder hier, der schon einmal in Deutschland war, erzählt er mir gleich von seinen Erlebnissen in Bonn und Berlin Ende der Neunziger, von Korrektheit und Organisation der Deutschen, von Gastfreundschaft und Offenheit. Es hat ihm damals gefallen, und ihm gefällt heute, dass ich gut Französisch spreche, dann könne man wohl etwas mit mir anfangen. Wunderbar, ich solle mir einfach ein Ressort aussuchen und dann mit den Kollegen absprechen, was ich tun kann.

Grundsätzlich gilt: Jeden Tag sind zwölf Seiten zu füllen, wobei die Eins nur wenig Text enthält und eine weitere Seite mit Kreuzworträtsel und sonstigem Service gefüllt wird. Bleiben also noch zehn Seiten für redaktionelle Inhalte. Die Ressorts, in der Reihenfolge ihrer Bedeutung: Politik (mehrere Seiten Inland und eine Seite Ausland), Gesellschaft (ebenfalls mehrere Seiten), Soziales (eine Seite), Sport (eine Seite), Wirtschaft (manchmal eine Seite, manchmal auch nicht), Kultur (manchmal eine oder auch zwei Seiten, manchmal keine).

Nach einem Spaziergang durch Dakars Zentrum (unter uns gesagt: So ein richtiger Kracher ist die Stadt nicht, jedenfalls nicht das Zentrum. Schon eher Meer und Hafengegend) bin ich für eine Konferenz um 16 Uhr wieder da, die dann allerdings ausfällt. Dafür lerne ich viele Kollegen kennen, die inzwischen eingetroffen sind, alle wirken sympathisch, interessiert und kompetent. Immer wieder schön zu sehen, dass Journalisten weltweit sich doch sehr ähneln. Es gibt zudem eine Reihe Praktikanten, die in den Ressorts aushelfen. Auch das ein Phänomen, das ich aus  deutschen Redaktionen kenne.

Ich wähle den Sport, denn ich habe richtig Lust, mit den fußballfanatischen Senegalesen über meinen Lieblingssport zu fachsimpeln. Ein paar Tage später ist mein erster Text im Blatt: Ein Interview mit 96-Stürmer Mame Diouf über die senegalesische Nationalelf. Das Gespräch habe ich per Telefon geführt, die Sportredakteure interessieren sich sehr für Dioufs Meinung. Auslandsspieler haben hier einen besonderen Status, sie haben Europa erreicht, das gelobte Fußballland. Also müssen sie auch etwas zu sagen haben.

Ein erster Erfolg, aber wie geht es weiter? In den nächsten Tagen versuche ich, die Arbeitsweise der Redaktion zu verstehen. Viele Texte der erfahrenen Redakteure basieren auf langjährigen Kontakten, sie fahren morgens zu Hintergrundgesprächen und arbeiten dann in der Redaktion ihren Block ab. Für einen Praktikanten wie mich ist es da schwierig, ein Thema zu platzieren. Der Sport ist zudem sehr aktualitätsabhängig, und da gerade Olympische Spiele sind, gibt es kaum Gelegenheit für eigene Texte.

Ich mache mich vom Ressort unabhängig und hänge mich an die anderen jungen Leute, unbezahlte Praktikanten wie ich. Während die Alt-Redakteure kommentieren und die „große Politik“ einordnen, behandeln die jungen Schreiber im Blatt eher die soziale Realität im Land. Sie nehmen mich auf ihre Recherchetermine mit – die Redaktion verfügt über einen Geländewagen mit Fahrer, den Redakteure nach Anmeldung nutzen können. Manche Orte sind nicht mit Bussen zu erreichen, andere sind zu gefährlich ohne Begleitung. So erkunde ich Land und Leute, schreibe ein kurzes Beistück zu einer Hochwasser-Geschichte, die von einem besonders gepeinigten Viertel handelt, in dem alle Häuser wochenlang unter Wasser stehen. Saer Sy, ein Praktikant, schreibt den Haupttext und erzählt mir nebenbei viel von dem äußerst schwierigen Parcours junger Menschen in den Journalismus.

Nach zwei Wochen fasse ich mir ein Herz und fahre selbst zu einem Haus, in dem christliche Mönche der Taizé-Kommunität aus Südfrankreich sich um Straßenkinder kümmern. Einen ganzen Tag verbringe ich dort, die Reportage füllt schließlich eine Zeitungsseite. Einen solch langen Text auf Französisch zu schreiben fällt mir schwer, aber der zuständige Redakteur im Sozial-Ressort, Ibrahima Diallo, redigiert ihn liebevoll. Nun bin ich „drin“. Ich schreibe einen weiteren Text über die Sklaveninsel Gorée, auf der ich zwei Tage verbracht habe. Schließlich bekomme ich über meine Sport-Kollegen auch Kontakt zu wichtigen Fußball-Funktionären, ich treffe den Leiter einer Fußballakademie und seine Schützlinge. Am Strand und auf den Fußballplätzen überall in der Stadt treffe ich junge Kicker, die mir von ihren Träumen erzählen. Darüber schreibe ich nicht für „Sud Quotidien“, es interessiert die Journalisten vor Ort nicht. Dafür kann ich diesen Text nach meiner Rückkehr bei der „HAZ“ unterbringen.

Überall im Land treffe ich Menschen, die mich mit großer Herzlichkeit empfangen. Immer wieder werde ich zum Essen eingeladen, lerne innerhalb kürzester Zeit alle Verwandten aus der Nachbarschaft kennen, man interessiert sich für mich und meine Reise. Gern bringen meine neuen Freunde mit großer Geduld ein paar Brocken „wolof“ bei, der geläufigsten unter den lokalen Sprachen. Wenn der Abend vorbei ist, bringt man mich zu Fuß bis zum Taxi, handelt einen guten Preis aus für mich, das potenzielle Taxifahrer-Opfer, und ruft später an, ob ich auch gut zu Hause angekommen bin. Gastfreundschaft hat für mich in diesem Land eine neue Dimension bekommen. Auch wer nach unseren Maßstäben arm ist, kann ein großzügiger Gastgeber sein.

Vier Wochen Senegal gehen viel zu schnell vorbei. Als Ende August der Ramadan endet, neigt sich auch mein Aufenthalt dem Ende entgegen. Das Zuckerfest („korité“), das endgültige Fastenbrechen, feiere ich mit meiner senegalesischen Familie in „Rufisque 2“. Wir gehen in die Moschee, es wird mittags gespeist, und ich schreibe für „Sud“ einen Text über das große Ereignis aus der Sicht eines Deutschen. Das begeistert meine Kollegen total – ein Europäer, der sich für unser Land und seine Feste interessiert! Die Zeitung druckt ein Foto von mir vor der Moschee, im traditionellen Gewand, das mir meine Gastfamilie geschenkt hatte. Ein Weißer beim Zuckerfest – eine Sensation! Als ich am nächsten Morgen zum Abschiednehmen in die Redaktion komme, kennt mich sogar der Pförtner mit Namen. Ich schenke ihm zum Abschied mein Deutschland-Trikot. Er ist wahrscheinlich der größte Fan unserer Nationalelf, den es jenseits des Mittelmeers gibt: Von Rummenigge über Littbarski bis zu Thomas Müller kann er alle Spieler samt ihren wichtigsten Spielen aufzählen. Dass Regenspiele unsere Spezialität sind, weiß er natürlich auch.

 

Alexander Nortrup (31) ist Chef vom Dienst in der Pressestelle der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Er hat Romanistik und Politik studiert und bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung volontiert. 2008 bekam er das Internationale Medien-Stipendium der Sir-Hugh-Carlton-Greene-Stiftung zugesprochen.